Eine Wundrose (medizinisch: Erysipel) beginnt oft harmlos: eine kleine Verletzung, ein unbemerkter Fußpilz, eine chronische Wunde. Wenige Tage später ist die Haut plötzlich flammend rot, heiß und geschwollen — und Fieber oder Schüttelfrost kommen dazu. Die Wundrose ist eine bakterielle Hautinfektion, die immer ärztlich behandelt werden muss. Richtig therapiert heilt sie meist folgenlos ab. Unbehandelt oder immer wiederkehrend kann sie die Lymphbahnen dauerhaft schädigen.
Dieser Ratgeber erklärt, woran Sie eine Wundrose erkennen, mit welchen Erkrankungen sie häufig verwechselt wird, wie die Behandlung abläuft — und was in kaum einem anderen Ratgeber steht: wie Sie einen Betroffenen zu Hause richtig pflegen und Rückfälle wirksam verhindern. Gerade für pflegende Angehörige von Menschen mit chronischen Wunden, Venenschwäche oder Diabetes ist das Thema wichtig, denn genau diese Gruppen sind besonders gefährdet.
Was ist eine Wundrose (Erysipel)?
Die Wundrose ist eine akute bakterielle Infektion der Lederhaut (Dermis), bei der sich die Erreger entlang der feinen Lymphspalten und Lymphgefäße der Haut ausbreiten. Ausgelöst wird sie fast immer durch Streptokokken — Bakterien, die bei vielen Menschen harmlos auf der Haut vorkommen. Gefährlich werden sie erst, wenn sie durch eine kleine Hautverletzung (die „Eintrittspforte") in tiefere Hautschichten gelangen.
Am häufigsten betroffen sind die Unterschenkel, seltener das Gesicht (dann oft „Gesichtsrose" genannt). Der volkstümliche Name „Rotlauf" beschreibt das typische Bild: eine rote, flammenförmige Entzündung, die sich sichtbar über die Haut ausbreitet.
Die Wundrose ist keine seltene Erkrankung: Schätzungen auf Basis der AWMF-Leitlinie gehen von etwa 100 Erkrankungen pro 100.000 Einwohner jährlich aus, wobei die Angaben zwischen Studien deutlich schwanken. Betroffen sind vor allem ältere Menschen — und damit genau die Gruppe, die häufig zu Hause gepflegt wird.
Symptome: So sieht eine Wundrose aus
Eine klassische Wundrose erkennen Sie an dieser Kombination:
- Scharf begrenzte, hochrote Rötung: glänzend, flächig, oft mit flammen- oder zungenförmigen Ausläufern. Die Grenze zur gesunden Haut ist deutlich erkennbar — das unterscheidet sie von vielen anderen Rötungen.
- Überwärmung: Die betroffene Stelle fühlt sich deutlich heißer an als die Haut der Gegenseite.
- Schwellung und Spannungsgefühl: Die Haut wirkt prall, jede Berührung schmerzt.
- Fieber und Schüttelfrost: oft schon bevor die Rötung sichtbar wird — laut AWMF-Leitlinie ist Fieber vor oder mit Beginn der Rötung „fast immer ein Zeichen für ein Erysipel".
- Krankheitsgefühl: Abgeschlagenheit, manchmal Übelkeit; die Lymphknoten in Leiste oder Achsel können schmerzhaft anschwellen.
Ausbreitungstempo: Die Rötung kann innerhalb von Stunden sichtbar wachsen. Markieren Sie den Rand der Rötung mit einem Kugelschreiber und fotografieren Sie die Stelle mit dem Smartphone — so erkennen Sie (und der Arzt) sofort, ob sich die Entzündung ausbreitet oder auf die Behandlung anspricht.
Verwechslungsgefahr: Was es sonst sein kann
Die Wundrose wird erstaunlich oft fehldiagnostiziert — in beide Richtungen. Nach Daten der AWMF-Leitlinie zur Differentialdiagnose von Unterschenkelrötungen erweisen sich rund 31 % der in Notaufnahmen gestellten Erysipel-Diagnosen als falsch; die meisten dieser Patienten erhielten unnötige Antibiotika. Die häufigste Verwechslung im Pflegealltag: das Stauungsekzem bei Venenschwäche.
| Merkmal | Wundrose (Erysipel) | Stauungsekzem (Venenschwäche) |
|---|---|---|
| Seite | Fast immer einseitig | Meist beidseitig |
| Beginn | Plötzlich, innerhalb von Stunden bis 1–2 Tagen | Schleichend über Wochen bis Monate |
| Fieber/Krankheitsgefühl | Typisch, oft vor der Rötung | Fehlt |
| Empfindung | Schmerz, Spannung, Hitze | Eher Juckreiz |
| Rötung | Hochrot, glänzend, scharf begrenzt | Rötlich-bräunlich, unscharf, oft mit Schuppung |
Merkregel für Angehörige: Einseitig + plötzlich + Fieber spricht für Wundrose. Beidseitig + langsam + juckend spricht für ein Stauungsekzem. Beides gehört ärztlich abgeklärt — aber mit unterschiedlicher Dringlichkeit.
Weitere Erkrankungen, die ähnlich aussehen können: die Phlegmone (tiefere, eitrige Infektion — eher matte, unscharf begrenzte Rötung, häufig nach tieferen Verletzungen), die Wanderröte nach Zeckenstich (Borreliose — blasser, ringförmig, ohne Fieber und Schmerz), eine tiefe Beinvenenthrombose (Schwellung und Schweregefühl der ganzen Wade, meist ohne scharf begrenzte Rötung) und die Gürtelrose (gruppierte Bläschen, streifenförmig auf einer Körperseite). Im Zweifel entscheidet der Arzt — auch mit Blutwerten: Deutlich erhöhte Entzündungswerte (CRP, Leukozyten) sprechen für die Wundrose; sind sie 1–2 Tage nach Symptombeginn normal, ist ein Erysipel laut ICW-Positionspapier nahezu ausgeschlossen.
Wann zum Arzt? Die 3-Stufen-Checkliste
- Extreme Schmerzen, die nicht zur sichtbaren (eher unscharfen) Rötung passen — Verdacht auf nekrotisierende Fasziitis, einen lebensbedrohlichen Notfall
- Zeichen einer beginnenden Sepsis: Verwirrtheit oder auffällige Schläfrigkeit, sehr schnelle Atmung (22 Atemzüge pro Minute oder mehr), Blutdruckabfall mit Schwäche und kaltschweißiger Haut
- Schwarze Hautareale, großflächige Einblutungen, rasch zunehmende Blasen
- Scharf begrenzte, heiße Rötung plus Fieber oder Schüttelfrost
- Rötung im Gesicht (Gefahr für Augenhöhle und Hirnvenen)
- Betroffene mit Diabetes, Immunschwäche, Lymphödem oder chronischen Wunden — hier bitte besonders niedrigschwellig
- Rasche Ausbreitung der Rötung (Kugelschreiber-Markierung überschritten)
- Beidseitige, langsam entstandene, eher juckende Rötungen ohne Fieber (Verdacht auf Stauungsekzem — behandelbar, aber kein Notfall)
- Wiederkehrende leichte Rötungen an immer derselben Stelle, auch ohne Fieber — Rezidive verlaufen oft milder („mitigiert") und werden deshalb leicht übersehen
Ursachen und Eintrittspforten
Für eine Wundrose müssen zwei Dinge zusammenkommen: eine Eintrittspforte in der Haut und ein begünstigtes Gewebe — meist ein gestörter Lymphabfluss. Das erklärt, warum manche Menschen nie eine Wundrose bekommen und andere immer wieder.
Die häufigsten Eintrittspforten
- Fußpilz und aufgeweichte Zehenzwischenräume — die mit Abstand häufigste und am meisten übersehene Ursache. Kontrollieren Sie bei gefährdeten Angehörigen regelmäßig die Zehenzwischenräume!
- Kleine Verletzungen: Kratzer, Insektenstiche, Risse (Rhagaden) an Fersen oder Mundwinkeln, eingerissene Nagelhaut
- Trockene, rissige Haut und Ekzeme — häufig bei älteren und pflegebedürftigen Menschen
- Chronische Wunden wie offenes Bein, Dekubitus oder diabetische Fußwunden (siehe nächster Abschnitt)
Wer ist besonders gefährdet?
Nach dem ICW-Positionspapier erhöhen vor allem diese Faktoren das Risiko: Lymphödem (der stärkste Einzelfaktor), chronische Venenschwäche, Übergewicht, Diabetes mellitus, chronische Wunden, Durchblutungsstörungen (pAVK) und ein geschwächtes Immunsystem. Bemerkenswert: Auf vollkommen gesunder Haut mit intaktem Lymphsystem gelang es in einem klassischen Experiment selbst mit Millionen von Keimen nicht, ein Erysipel auszulösen — der vorgeschädigte Lymphabfluss ist fast immer Teil der Erkrankung.
Chronische Wunden als Eintrittspforte — das übersehene Risiko
Für Angehörige, die einen Menschen mit offenem Bein (Ulcus cruris), Dekubitus oder diabetischem Fußsyndrom pflegen, ist die Wundrose eine der wichtigsten Komplikationen überhaupt: Die dauerhaft offene Hautstelle ist eine ständige Eintrittspforte für Streptokokken.
Darauf sollten Sie bei der Wundversorgung achten:
- Wundumgebung täglich beurteilen: Eine neue, scharf begrenzte, heiße Rötung um die Wunde herum — besonders zusammen mit Fieber — ist verdächtig auf ein Erysipel und ein Grund für einen Arztkontakt noch am selben Tag. Unterscheiden Sie das von der normalen schmalen Rötung direkt am Wundrand.
- Hygiene beim Verbandwechsel konsequent einhalten: Händedesinfektion, Einmalhandschuhe, sauberes Material — unsere Anleitung zum Verbandwechsel zeigt jeden Schritt.
- Wundumgebungshaut pflegen und schützen: rissige, aufgeweichte oder ekzematöse Haut um die Wunde bietet zusätzliche Eintrittspforten.
- Dokumentieren: Fotos mit Datum helfen, eine beginnende Infektion früh zu erkennen — wie das geht, zeigt der Ratgeber Wunddokumentation für Angehörige.
Vertiefende Ratgeber zu den Grunderkrankungen: Offenes Bein (Ulcus cruris) · Dekubitus · Diabetischer Fuß · Infizierte Wunde erkennen: die 7 Warnsignale
Behandlung: Antibiotika & Begleitmaßnahmen
Die Wundrose ist eine bakterielle Infektion — Antibiotika sind immer erforderlich, Hausmittel allein reichen nie aus.
Antibiotika-Therapie
- Mittel der Wahl ist Penicillin. Der große Vorteil: Die auslösenden Streptokokken haben bis heute keine relevanten Resistenzen gegen Penicillin entwickelt. Beim unkomplizierten Erysipel genügt laut AWMF-Leitlinie die Einnahme als Tablette (üblich: Penicillin V dreimal täglich über 7–14 Tage — die genaue Dosierung legt der Arzt fest).
- Therapiedauer einhalten: je nach Schwere mindestens 10 Tage bzw. 1–2 Tage über das Abklingen der Symptome hinaus. Brechen Sie die Einnahme nie eigenmächtig ab, auch wenn die Haut schon deutlich besser aussieht — sonst drohen Rückfälle.
- Bei Penicillinallergie wird meist Clindamycin verordnet.
- Wenn nach 1–3 Tagen keine Besserung eintritt (Fieber bleibt, Rötung wächst weiter), muss der Arzt die Diagnose überprüfen — dann kann auch eine Phlegmone mit anderen Erregern vorliegen, die ein anderes Antibiotikum braucht.
- Krankenhaus mit Infusionstherapie ist üblich bei: Gesichtsrose, kompliziertem Verlauf (Blasen, Einblutungen, Nekrosen), schwerem Krankheitsgefühl, relevanten Begleiterkrankungen oder wenn Tabletten nicht wirken. Der Aufenthalt dauert häufig etwa eine Woche.
Begleitmaßnahmen — genauso wichtig wie das Antibiotikum
- Hochlagern: Das betroffene Bein so oft wie möglich über Herzhöhe lagern — das lindert Schwellung und Schmerz und unterstützt den Lymphabfluss.
- Schonung, aber keine strikte Bettruhe: Kurze Wege in der Wohnung sind erlaubt und sinnvoll. Bei stark eingeschränkter Beweglichkeit entscheidet der Arzt über eine Thromboseprophylaxe (Heparin-Spritzen).
- Eintrittspforte mitbehandeln: Fußpilz, Risse oder Wunden müssen konsequent versorgt werden — sonst ist der nächste Schub programmiert.
- Kompression — neuer Stand: Früher galt die akute Wundrose als Tabu für Kompressionsverbände. Nach aktueller Einschätzung (ICW-Positionspapier, DGP-Leitlinie) darf beim unkomplizierten Erysipel nach Beginn der Antibiotika-Therapie mit leichter Kompression behandelt werden — gerade bei Venenschwäche oder Lymphödem ein wichtiger Baustein. Ob und ab wann, entscheidet der behandelnde Arzt. Grundlagen: Kompressionsverband anlegen und Kompressionsstrümpfe.
Hausmittel: Was hilft — und was nicht
Kaum eine Erkrankung zeigt so deutlich, wo die Grenze von Hausmitteln liegt. Der Grund ist anatomisch: Die Streptokokken sitzen in den Lymphspalten der Lederhaut — dort kommt von außen praktisch nichts an.
| Maßnahme | Bewertung |
|---|---|
| Kühle, feuchte Umschläge | Können das Spannungsgefühl subjektiv lindern — ein Nutzen für die Heilung ist nicht belegt. Nicht eisig kühlen, keine Kühlakkus direkt auf die Haut. |
| Antiseptische Umschläge auf der Rötung | Wirkung nicht belegt — die Bakterien in der Tiefe werden nicht erreicht. Sinnvoll ist Antiseptik nur an der Eintrittspforte (Wunde, Riss). |
| Quarkwickel | Allenfalls kurzfristig kühlend. Kein Wirknachweis; auf verletzter Haut hygienisch problematisch. |
| Salben auf der geröteten Fläche | Ohne Nutzen für die Infektion; fetthaltige Salben können die Hautbeurteilung erschweren. |
| Hochlagern + Trinken + Fieber senken | Sinnvoll — die eigentlichen „Hausmittel" bei Wundrose, immer zusätzlich zum Antibiotikum. |
Pflege zu Hause: Anleitung für Angehörige
Was in klassischen Gesundheitslexika fehlt: die konkrete Pflege eines Menschen mit Wundrose — besonders, wenn er ohnehin pflegebedürftig oder bettlägerig ist.
In der akuten Phase (erste Tage)
- Medikamente sichern: Antibiotika-Einnahme zu festen Zeiten, komplette Dauer. Bei Schluckproblemen den Arzt auf Alternativen ansprechen — nicht eigenmächtig Tabletten mörsern.
- Bein konsequent hochlagern: im Sitzen auf einen Hocker mit Kissen, im Liegen Unterschenkel auf ein festes Kissen (Ferse frei lagern!). Mehrmals täglich, idealerweise dauerhaft.
- Verlauf dokumentieren: Rötungsrand markieren, tägliches Foto, Fieber messen und notieren — bei Ausbreitung trotz Antibiotikum noch am selben Tag den Arzt informieren.
- Waschen erlaubt: Die betroffene Haut darf vorsichtig mit lauwarmem Wasser und milder Waschlotion gereinigt werden — sanft trocken tupfen, nicht reiben. Vollbäder in der akuten Phase vermeiden.
- Trinken und leichte Kost: Fieber erhöht den Flüssigkeitsbedarf; achten Sie auf 1,5–2 Liter, sofern keine ärztliche Trinkmengenbegrenzung (z. B. bei Herzschwäche) besteht.
Bei bettlägerigen Pflegebedürftigen zusätzlich
- Thromboserisiko im Blick behalten: Fieber, Entzündung und Bettlägerigkeit erhöhen gemeinsam das Thromboserisiko deutlich. Fragen Sie aktiv beim Arzt nach, ob Heparin-Spritzen nötig sind.
- Dekubitusgefahr steigt: Die entzündete, geschwollene Haut ist druckempfindlicher, und fiebernde Menschen bewegen sich weniger. Konsequent umlagern und die Haut kontrollieren — unsere Lagerungstechniken und der Dekubitus-Risiko-Check helfen dabei. Beim Hochlagern des entzündeten Beins die Ferse immer frei schweben lassen.
- Bettwäsche und Kleidung: bei Fieber und Schwitzen häufiger wechseln; weiche, nicht scheuernde Materialien über der entzündeten Haut.
- Keine Sorge vor Ansteckung: Normale Pflegehygiene (Händedesinfektion, Handschuhe bei Kontakt mit offenen Hautstellen) genügt vollständig.
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Zum Pflegehilfsmittel-CheckRückfälle vermeiden: Rezidivprophylaxe
Die Wundrose hat eine unangenehme Eigenschaft: Sie kommt wieder. Bis zu 30 % der Betroffenen erleiden ein Rezidiv — oft an derselben Stelle, und häufig milder verlaufend (weniger Fieber), sodass es übersehen wird. Jeder Rückfall schädigt die Lymphbahnen weiter. Die gute Nachricht: Rezidivprophylaxe wirkt nachweislich.
Basis: Eintrittspforten schließen und entstauen
- Fußpilz konsequent behandeln — und nach der Behandlung dauerhaft vorbeugen (Zehenzwischenräume nach dem Waschen gründlich abtrocknen, atmungsaktive Strümpfe).
- Hautpflege: Trockene, rissige Haut täglich mit rückfettender Lotion pflegen — intakte Haut ist die beste Barriere.
- Kleine Verletzungen sofort versorgen: reinigen, desinfizieren, abdecken. Wie es richtig geht: Wunde richtig desinfizieren.
- Entstauung bei Venenschwäche/Lymphödem: Kompressionsstrümpfe konsequent tragen, ggf. manuelle Lymphdrainage — je weniger Ödem, desto geringer das Rezidivrisiko.
- Grunderkrankungen behandeln: gute Blutzuckereinstellung bei Diabetes, Gewichtsreduktion bei starkem Übergewicht.
Bei wiederholten Rückfällen: vorbeugende Antibiotika-Einnahme
Wer trotz dieser Maßnahmen immer wieder eine Wundrose bekommt, sollte mit dem Arzt über eine Antibiotika-Dauerprophylaxe sprechen. Die Wirksamkeit ist ungewöhnlich gut belegt:
- Eine Cochrane-Analyse (Dalal et al. 2017, 6 Studien mit 573 Teilnehmern) ergab: Eine vorbeugende Antibiotika-Einnahme senkt das Risiko eines erneuten Erysipels um 69 % — bei insgesamt guter Verträglichkeit ohne schwerwiegende Nebenwirkungen.
- In der zugrunde liegenden PATCH-Studie (New England Journal of Medicine 2013) erlitten unter niedrig dosiertem Penicillin (250 mg zweimal täglich über 12 Monate) nur 22 % der Patienten ein Rezidiv, unter Placebo 37 %. Statistisch muss man nur 5 Patienten behandeln, um einen Rückfall zu verhindern.
- Wichtige Einschränkung: Der Schutz besteht nur, solange das Medikament eingenommen wird — nach dem Absetzen gleicht sich das Risiko wieder an. Umso wichtiger bleiben die Basismaßnahmen oben.
Praktische Alternative — das Stand-by-Konzept: Das ICW-Positionspapier beschreibt für geeignete Patienten eine Bedarfsstrategie: Das Penicillin-Rezept liegt bereit, und bei den ersten Vorboten (Fieber, Schmerz an der bekannten Stelle — oft noch vor der Rötung) wird die Einnahme nach telefonischer Rücksprache mit dem Arzt sofort begonnen. Gerade für pflegende Angehörige, die ihren Patienten gut kennen, ist das ein wertvolles Werkzeug — besprechen Sie es beim nächsten Arzttermin.
Der Lymphödem-Teufelskreis — warum konsequentes Handeln so wichtig ist
Wundrose und Lymphödem verstärken sich gegenseitig — das ist der Schlüssel zum Verständnis der ganzen Erkrankung:
- Ein (oft unbemerkt) gestörter Lymphabfluss macht das Gewebe anfällig — Untersuchungen zeigen, dass die Mehrzahl der Erstpatienten bereits eine Lymphabflussstörung hat, oft sogar am nicht betroffenen Bein.
- Die Wundrose entzündet und vernarbt die Lymphgefäße — der Abfluss verschlechtert sich weiter.
- Das zunehmende Lymphödem (Schwellung) schafft ideale Bedingungen für die nächste Infektion.
- Jedes Rezidiv verstärkt den Schaden — im Extremfall bis zur sogenannten Elephantiasis, einer massiven, irreversiblen Umfangsvermehrung des Beins.
Diesen Kreislauf durchbricht man an zwei Stellen: Rezidive verhindern (siehe oben) und das Lymphödem konsequent behandeln — mit der komplexen physikalischen Entstauungstherapie (KPE): manuelle Lymphdrainage, Kompression, Hautpflege und Bewegung. Sprechen Sie den Arzt aktiv auf eine Verordnung an, wenn nach einer Wundrose eine Schwellung zurückbleibt. Bleibt nach der Abheilung eine dauerhafte Schwellung oder besteht bereits ein Lymphödem, kann sich auch die Frage nach einem Pflegegrad stellen — insbesondere wenn die Mobilität dauerhaft eingeschränkt ist.
Häufige Fragen zur Wundrose
Ist eine Wundrose ansteckend?
Nein. An einem Erysipel kann man sich nicht anstecken — das stellt auch das ICW-Positionspapier ausdrücklich fest. Die auslösenden Streptokokken tragen viele Menschen ohnehin auf der Haut; zur Erkrankung kommt es erst durch die Kombination aus Eintrittspforte und vorgeschädigtem Lymphabfluss. Sie können einen Betroffenen ganz normal pflegen und berühren.
Wie lange dauert eine Wundrose?
Unter wirksamer Antibiotika-Therapie bessern sich Fieber und Allgemeinzustand meist innerhalb von 1–3 Tagen. Die Rötung blasst über 1–2 Wochen ab; eine Restschwellung kann länger bestehen. Die Antibiotika werden je nach Schwere 7–14 Tage eingenommen — immer vollständig zu Ende, auch wenn die Haut früher besser aussieht.
Wundrose oder Stauungsekzem — wie unterscheide ich das?
Die Kurzformel: einseitig + plötzlich + Fieber = eher Wundrose; beidseitig + langsam + juckend = eher Stauungsekzem. Rötungen an beiden Beinen gleichzeitig sind nur sehr selten ein Erysipel. Die endgültige Diagnose gehört in ärztliche Hand — fast ein Drittel der „Erysipel"-Diagnosen in Notaufnahmen stellt sich laut AWMF-Leitlinie als etwas anderes heraus.
Welches Antibiotikum bekommt man bei Wundrose?
Standard ist Penicillin — die Streptokokken haben dagegen keine relevanten Resistenzen entwickelt. Unkomplizierte Verläufe werden mit Tabletten behandelt, komplizierte stationär per Infusion. Bei Penicillinallergie wird meist Clindamycin verordnet. Wichtig: Wenn nach 1–3 Tagen keine Besserung eintritt, muss der Arzt die Diagnose überprüfen.
Warum bekommt mein Angehöriger die Wundrose immer wieder?
Meist stecken zwei Dinge dahinter: eine nicht sanierte Eintrittspforte (sehr oft unbehandelter Fußpilz) und der Lymphödem-Teufelskreis — jede Wundrose schädigt die Lymphbahnen und begünstigt so die nächste. Bis zu 30 % der Betroffenen erleiden Rückfälle. Wirksam dagegen: Eintrittspforten schließen, konsequent entstauen und bei häufigen Rezidiven eine ärztlich verordnete Penicillin-Prophylaxe (senkt das Risiko um rund 69 %).
Darf man eine Wundrose kühlen?
Kühle, feuchte Umschläge dürfen zur Linderung eingesetzt werden — mehr als das leisten sie aber nicht, ein Heilungsnutzen ist nicht belegt. Nicht eisig kühlen und keine Kühlakkus direkt auf die entzündete Haut legen. Entscheidend sind Antibiotika und Hochlagern.
Darf der Betroffene duschen oder gewaschen werden?
Ja — vorsichtiges Waschen mit lauwarmem Wasser und milder Waschlotion ist erlaubt und sinnvoll, danach sanft trocken tupfen. Vollbäder und langes Einweichen in der akuten Phase vermeiden. Bei offenen Hautstellen gelten die üblichen Hygieneregeln der Wundversorgung.
Wann muss eine Wundrose ins Krankenhaus?
Üblich ist die stationäre Behandlung bei Gesichtsrose, bei Blasen, Einblutungen oder schwarzen Hautarealen, bei schwerem Krankheitsgefühl, bei relevanten Begleiterkrankungen (Diabetes, Immunschwäche) und wenn die Tablettentherapie nicht anschlägt. Der Aufenthalt dauert häufig etwa eine Woche.
Quellen
Dieser Artikel stützt sich auf die folgenden Leitlinien und Studien (zuletzt geprüft: September 2026):
- Bodmann K-F, Grabein B, Kresken M et al. (Paul-Ehrlich-Gesellschaft für Infektionstherapie): S2k-Leitlinie „Kalkulierte parenterale Initialtherapie bakterieller Erkrankungen bei Erwachsenen — Update 2018". AWMF-Register-Nr. 082-006 (derzeit in Überarbeitung). Kapitel Haut- und Weichgewebeinfektionen. register.awmf.org/de/leitlinien/detail/082-006
- Deutsche Dermatologische Gesellschaft: S1-Leitlinie „Differentialdiagnose akuter und chronischer Rötungen im Bereich der Unterschenkel". AWMF-Register-Nr. 013-100, Stand 10/2021. register.awmf.org/de/leitlinien/detail/013-100
- Dalal A, Eskin-Schwartz M, Mimouni D et al.: Interventions for the prevention of recurrent erysipelas and cellulitis. Cochrane Database of Systematic Reviews 2017, Issue 6, CD009758. doi.org/10.1002/14651858.CD009758.pub2
- Thomas KS, Crook AM, Nunn AJ et al.: Penicillin to prevent recurrent leg cellulitis (PATCH-Studie). New England Journal of Medicine 2013; 368(18): 1695–1703. doi.org/10.1056/NEJMoa1206300
- Kröger K, Schwarzkopf A, Eder S, Protz K, Münter C, Dissemond J: Diagnostik und Therapie des Erysipels. Ein Positionspapier der Initiative Chronische Wunden (ICW) e. V. Deutsche Medizinische Wochenschrift 2021; 146: 822–830. doi.org/10.1055/a-1392-8128
- Sunderkötter C, Becker K, Eckmann C, Graninger W, Kujath P, Schöfer H: S2k-Leitlinie Haut- und Weichgewebeinfektionen (Auszug aus 082-006). Journal der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft 2019; 17(3): 345–371. doi.org/10.1111/ddg.13790