Wundversorgung nach Schlaganfall: Besonderheiten und Tipps

Nach einem Schlaganfall verändert sich vieles — auch die Haut. Eingeschränkte Mobilität, gestörte Sensibilität und Medikamente wie Blutverdünner machen die Haut verletzlicher. Wunden heilen schlechter, und das Risiko für Druckgeschwüre (Dekubitus) steigt erheblich. Dieser Ratgeber erklärt, worauf Sie bei der Wundversorgung und Hautpflege nach einem Schlaganfall achten müssen.

Warum ist Wundversorgung nach Schlaganfall besonders?

Schlaganfall-Patienten haben ein deutlich erhöhtes Risiko für Hautprobleme und Wunden. Das hat mehrere Gründe, die zusammenwirken:

Faktor Auswirkung auf die Haut
Halbseitenlähmung (Hemiparese) Die gelähmte Seite wird weniger bewegt — Druck auf Knochenvorsprünge, verminderte Durchblutung
Gestörte Sensibilität Betroffene spüren Druck, Schmerz und Temperatur auf der gelähmten Seite nicht — merken Wunden und Druckstellen nicht
Eingeschränkte Mobilität Langes Liegen oder Sitzen erhöht das Dekubitus-Risiko massiv
Blutverdünner (Antikoagulantien) Haut blutet leichter, Hämatome entstehen schneller, Wundheilung kann verlangsamt sein
Schluckstörungen (Dysphagie) Mangelernährung verschlechtert die Wundheilung
Inkontinenz Feuchtigkeit und Hautmazeration erhöhen das Wund- und Dekubitusrisiko
Spastik Verkrampfte Finger und Zehen — Pilzinfektionen in Hautfalten, Druckstellen durch Fehlhaltungen
Diabetes (Begleiterkrankung) Zusätzlich gestörte Wundheilung und erhöhtes Infektionsrisiko

Hautveränderungen nach Schlaganfall

Haut auf der gelähmten Seite

Die Haut auf der betroffenen (paretischen) Körperseite zeigt oft charakteristische Veränderungen:

  • Kühle, bläulich verfärbte Haut: Durch verminderte Durchblutung (autonome Dysregulation)
  • Trockenheit: Gestörte Schweißdrüsenfunktion auf der gelähmten Seite
  • Ödeme (Schwellungen): Besonders an Hand und Fuß der gelähmten Seite — die „gelähmte Hand schwillt an"
  • Dünne, verletzliche Haut: Durch Muskelabbau und verminderte Durchblutung
Besonders gefährdete Stellen: Auf der gelähmten Seite sind Ferse, Hüftknochen, Schulter, Ellenbogen und Knöchel besonders gefährdet. Kontrollieren Sie diese Stellen täglich — auch wenn Ihr Angehöriger keine Schmerzen äußert (wegen der gestörten Sensibilität!).

Hautprobleme in Hautfalten

Durch Spastik und Fehlhaltungen entstehen tiefe Hautfalten, besonders:

  • Gelähmte Hand: Die Finger sind zur Faust verkrampft — in der Handinnenfläche sammeln sich Schweiß und Keime
  • Achseln: Der gelähmte Arm liegt oft am Körper an
  • Leiste und Gesäßfalte: Besonders bei Inkontinenz
  • Unter den Brüsten: Bei übergewichtigen Patientinnen

Dekubitus-Risiko und Prävention

Dekubitus (Druckgeschwür) ist eine der häufigsten und schwerwiegendsten Komplikationen nach einem Schlaganfall. Bis zu 20 % der Schlaganfall-Patienten entwickeln einen Dekubitus — besonders in den ersten Wochen nach dem Ereignis.

Warum ist das Dekubitus-Risiko so hoch?

  • Eingeschränkte Mobilität — der Patient kann sich nicht selbst umlagern
  • Fehlende Schmerzmeldung — Druckstellen werden auf der gelähmten Seite nicht gespürt
  • Mangelernährung — verschlechtert die Geweberegeneration
  • Inkontinenz — feuchte Haut wird schneller geschädigt

Dekubitus-Prävention — die wichtigsten Maßnahmen

  1. Regelmäßiges Umlagern: Alle 2 Stunden die Position wechseln. Nachts ebenfalls! Verwenden Sie verschiedene Positionen: Rücken-, Seiten- und 30°-Seitenlage
  2. Antidekubitusmatratze: Druckverteilende Matratze — kann über ärztliche Verordnung bei der Krankenkasse beantragt werden
  3. Hautinspektion: Täglich alle gefährdeten Stellen kontrollieren — besonders Fersen, Steißbein, Hüftknochen, Schulterblätter
  4. Hautpflege: Haut sauber und trocken halten, pH-neutrale Waschlotion, rückfettende Pflege
  5. Ernährung: Ausreichend Eiweiß, Vitamine (besonders Vitamin C und Zink) für die Geweberegeneration
  6. Mobilisation: So früh und so viel wie möglich bewegen — auch passive Bewegung hilft
  7. Fersenschutz: Fersen „frei lagern" (mit Kissen unter den Waden, sodass die Fersen nicht aufliegen)
Der Fingertest: Drücken Sie mit dem Finger auf eine gerötete Hautstelle. Wird die Stelle kurz weiß und dann wieder rot? Dann ist es nur eine Druckrötung. Bleibt die Rötung bestehen (wird nicht weiß)? Dann liegt möglicherweise bereits ein Dekubitus Stadium 1 vor — informieren Sie den Arzt oder den Pflegedienst.

Mehr zum Thema Dekubitus finden Sie in unserem ausführlichen Ratgeber: Dekubitus erkennen, vorbeugen und behandeln.

Häufige Wundarten nach Schlaganfall

1. Dekubitus (Druckgeschwür)

Häufigste Wundart nach Schlaganfall. Entsteht durch anhaltenden Druck auf Knochenvorsprünge. Von Stadium 1 (nicht wegdrückbare Rötung) bis Stadium 4 (tiefe Gewebeschädigung bis auf den Knochen). Prävention ist entscheidend, da Dekubitus-Heilung langwierig und aufwendig ist.

2. Sturzverletzungen

Schlaganfall-Patienten haben ein stark erhöhtes Sturzrisiko durch Gleichgewichtsstörungen, Muskelschwäche und eingeschränktes Sehfeld (Neglect). Typische Verletzungen: Schürfwunden, Prellungen, Platzwunden. Besonders problematisch bei Einnahme von Blutverdünnern — stärkere Blutungen und große Hämatome.

3. Inkontinenz-assoziierte Dermatitis (IAD)

Durch dauerhaften Kontakt der Haut mit Urin oder Stuhl. Die Haut wird mazeriert (aufgeweicht), gerötet und wund — besonders im Genital- und Gesäßbereich. Kann sich zu offenen Wunden entwickeln und wird oft mit Dekubitus verwechselt.

4. Hautpilz (Mykose)

In den Hautfalten der spastisch verkrampften Hand, zwischen den Zehen, in der Leiste. Feucht-warmes Milieu begünstigt das Pilzwachstum. Zeichen: Rötung, Schuppung, Juckreiz, weißliche Beläge.

5. Hämatome (Blutergüsse)

Durch Blutverdünner entstehen schon bei leichtem Anstoßen große Blutergüsse. Diese sind in der Regel harmlos, sollten aber beobachtet werden. Bei Zunahme oder Verhärtung den Arzt informieren.

Wundversorgung — praktische Anleitung

Grundregeln der Wundversorgung

  1. Hände waschen und Handschuhe anziehen — vor jeder Wundversorgung
  2. Wunde reinigen: Mit Wundspüllösung (NaCl 0,9 % oder Ringer-Lösung) vorsichtig spülen. Nicht reiben!
  3. Wunde beurteilen: Größe, Tiefe, Geruch, Belag, Umgebungshaut dokumentieren
  4. Phasengerechte Wundauflage: Moderne feuchte Wundversorgung — die Wundauflage sollte zum Zustand der Wunde passen
  5. Verband fixieren: Nicht zu fest (Durchblutung beachten), auf der gelähmten Seite besonders vorsichtig
  6. Dokumentieren: Datum, Zustand, Wundgröße (evtl. Foto) — hilft dem Arzt bei der Verlaufskontrolle
Besonderheit bei Blutverdünnern: Wunden bluten bei Patienten unter Antikoagulation (Marcumar, Eliquis, Xarelto o. Ä.) stärker und länger. Bei Schnitt- oder Schürfwunden: Längerer Druck (5–10 Minuten statt 3 Minuten) auf die Wunde ausüben. Bei Wunden, die nicht aufhören zu bluten, den Arzt kontaktieren.

Besonderheiten der gelähmten Seite

  • Kein Schmerzfeedback: Ihr Angehöriger merkt möglicherweise nicht, wenn ein Verband verrutscht, einschneidet oder die Wunde schlimmer wird
  • Kontrolle durch Sie: Überprüfen Sie Verbände und Hautstellen regelmäßig — verlassen Sie sich nicht darauf, dass Ihr Angehöriger Beschwerden meldet
  • Temperatur prüfen: Waschwasser immer an der gesunden Seite oder am Handgelenk testen — Verbrühungsgefahr, da die betroffene Seite Temperatur nicht richtig wahrnimmt

Tägliche Hautpflege

Pflegeroutine

  • Täglich waschen: Mit lauwarmem Wasser und pH-neutraler, rückfettender Waschlotion (kein normales Seifenstück)
  • Gründlich trocknen: Alle Hautfalten sorgfältig trocknen — sanft tupfen, nicht reiben. Besonders: Finger der gelähmten Hand, Zehen, Leiste, Gesäßfalte
  • Eincremen: Trockene Hautstellen mit rückfettender, parfümfreier Pflegecreme behandeln (z. B. mit Urea/Harnstoff)
  • Spastische Hand öffnen: Vorsichtig die verkrampften Finger einzeln strecken, Handinnenfläche waschen und trocknen. Ggf. Mullkompressen zwischen die Finger legen, um Feuchtigkeit aufzunehmen
  • Nägel pflegen: Finger- und Fußnägel regelmäßig, aber vorsichtig schneiden (bei Blutverdünnern: besondere Vorsicht!)

Inkontinenzversorgung und Hautschutz

  • Schneller Wechsel: Nasse oder verschmutzte Inkontinenzprodukte sofort wechseln
  • Hautschutz: Barrierecremes (z. B. Zinkpaste oder transparente Hautschutzfilme) auf die Haut im Genital- und Gesäßbereich auftragen
  • Reinigung: Spezielle Waschlotion für den Intimbereich (pH-Wert 5,5), keine aggressiven Reinigungsmittel
  • Passende Inkontinenzprodukte: Gut sitzende Produkte, die die Haut atmen lassen

Ernährung für die Wundheilung

Gute Ernährung ist für die Wundheilung nach Schlaganfall besonders wichtig — und gleichzeitig oft erschwert durch Schluckstörungen und Appetitlosigkeit.

Wichtige Nährstoffe

  • Eiweiß: 1,2–1,5 g pro kg Körpergewicht — Quark, Eier, Fisch, Hülsenfrüchte, eiweißreiche Trinknahrung
  • Vitamin C: Für die Kollagenbildung — Paprika, Brokkoli, Zitrusfrüchte
  • Zink: Für die Zellteilung — Vollkornprodukte, Nüsse, Fleisch
  • Eisen: Für den Sauerstofftransport — rotes Fleisch, Hülsenfrüchte, Spinat
  • Vitamin A: Für die Hautregeneration — Karotten, Süßkartoffeln, Leber
  • Flüssigkeit: Mindestens 1,5 Liter täglich (sofern nicht ärztlich eingeschränkt)
Bei Schluckstörungen: Viele Schlaganfall-Patienten haben Schluckstörungen (Dysphagie). Die Nahrungskonsistenz muss angepasst werden (püriert, angedickt). Eine logopädische Schlucktherapie und Ernährungsberatung sind wichtig, um Mangelernährung zu vermeiden — die wiederum die Wundheilung verschlechtert.

Hilfsmittel und Verbandmaterial

Grundausstattung für die Wundversorgung zu Hause

  • Einmalhandschuhe
  • Händedesinfektionsmittel
  • Wundspüllösung (NaCl 0,9 %)
  • Sterile Kompressen und Wundauflagen
  • Fixierpflaster (hautschonend, hypoallergen)
  • Mullbinden verschiedener Breiten
  • Hautschutzfilm und Wundrandschutz
  • Bettschutzeinlagen
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Spezielle Hilfsmittel nach Schlaganfall

  • Antidekubitusmatratze: Wechseldruckmatratze oder viskoelastische Matratze — Verordnung durch den Arzt
  • Lagerungskissen: Zur korrekten Positionierung und Druckentlastung
  • Fersenschutz: Spezielle Fersenpolster oder Fersenschoner
  • Rutschfeste Sitzkissen: Für den Rollstuhl — druckentlastend
  • Handlagerungsschiene: Bei Spastik — hält die Hand in einer physiologischen Position

Wann zum Arzt?

Kontaktieren Sie den Arzt oder Wundexperten bei:
  • Nicht wegdrückbare Hautrötung (möglicher Dekubitus Stadium 1)
  • Offene Wunde, die nicht innerhalb einer Woche kleiner wird
  • Wunde mit Geruch, Eiter oder Belägen (Infektionszeichen)
  • Rötung und Überwärmung der Wundumgebung (Infektion?)
  • Fieber in Verbindung mit einer Wunde
  • Blutung, die nicht aufhört (besonders unter Blutverdünnern)
  • Pilzinfektion in Hautfalten, die auf Hausmittel nicht anspricht
  • Jede Verschlechterung einer bestehenden Wunde

Häufige Fragen zur Wundversorgung nach Schlaganfall

Warum ist die Haut nach einem Schlaganfall besonders empfindlich?

Die Haut auf der gelähmten Seite ist besonders gefährdet, weil die Durchblutung gestört ist, die Sensibilität (Schmerzempfinden) reduziert ist, Betroffene sich weniger bewegen und Medikamente wie Blutverdünner die Haut anfälliger machen. Diese Faktoren zusammen ergeben ein deutlich erhöhtes Risiko für Druckgeschwüre, Verletzungen und Infektionen.

Wie oft muss ein Schlaganfall-Patient umgelagert werden?

Allgemein gilt: Alle 2 Stunden die Position wechseln — auch nachts. Bei Hochrisikopatienten oder bestehenden Druckstellen können kürzere Intervalle nötig sein. Eine Antidekubitusmatratze kann die Intervalle verlängern, ersetzt das Umlagern aber nicht vollständig. Besprechen Sie den individuellen Umlagerungsplan mit dem Pflegedienst.

Was tun bei einer verkrampften Hand mit Hautproblemen?

Die spastisch geschlossene Hand vorsichtig und langsam öffnen — niemals mit Gewalt. Handinnenfläche waschen, trocknen und ggf. eine Mullkompresse zwischen die Finger legen. Bei Pilzbefall: antifungale Creme nach ärztlicher Verordnung. Regelmäßige Ergotherapie und ggf. eine Lagerungsschiene können die Spastik reduzieren.

Heilen Wunden nach einem Schlaganfall schlechter?

Ja, die Wundheilung kann verzögert sein durch: verminderte Durchblutung auf der gelähmten Seite, Mangelernährung bei Schluckstörungen, Medikamente (Blutverdünner, Kortison), Begleiterkrankungen wie Diabetes und eingeschränkte Mobilität. Gute Ernährung, Mobilisation und fachgerechte Wundversorgung sind umso wichtiger.

Welche Cremes eignen sich für die Hautpflege nach Schlaganfall?

Verwenden Sie pH-neutrale, parfümfreie, rückfettende Cremes. Bei trockener Haut: Cremes mit Urea (Harnstoff, 5–10 %). Für den Intimbereich: spezielle Hautschutzcremes oder transparente Hautschutzfilme. Vermeiden Sie Produkte mit Parfüm, Alkohol oder Farbstoffen — sie können die empfindliche Haut zusätzlich reizen.

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Coryn Högberg, ICW-Wundexpertin
Medizinisch geprüfter Inhalt

Dieser Artikel wurde von der medizinischen Redaktion von sign-med.de erstellt und basiert auf aktuellen Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), der Initiative Chronische Wunden (ICW) und Empfehlungen des Expertenstandards Dekubitusprophylaxe in der Pflege (DNQP). Die Inhalte dienen der allgemeinen Information und ersetzen nicht die individuelle ärztliche oder pflegerische Beratung. Mehr zur Autorin

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