Normalerweise heilen kleine Wunden innerhalb von ein bis zwei Wochen von selbst ab. Doch manchmal passiert das nicht: Die Wunde schließt sich nicht, nässt weiter oder wird sogar größer. Wenn eine Wunde nach mehreren Wochen immer noch nicht verheilt ist, liegt das fast immer an einer bestimmten Ursache — und die lässt sich in den meisten Fällen behandeln.
In diesem Ratgeber erfahren Sie, warum manche Wunden nicht heilen, welche Warnsignale Sie kennen sollten und was Sie selbst tun können, um die Wundheilung zu unterstützen. Außerdem erklären wir, wann Sie unbedingt zum Arzt gehen sollten und welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt.
Ab wann ist eine Wunde „chronisch“?
In der Medizin spricht man von einer chronischen Wunde, wenn diese trotz fachgerechter Behandlung innerhalb von 8 Wochen nicht abgeheilt ist. Manche Fachgesellschaften setzen die Grenze bereits bei 4 bis 6 Wochen an. Entscheidend ist weniger die exakte Zeitspanne als vielmehr die Tatsache, dass der normale Wundheilungsprozess mit seinen typischen Phasen ins Stocken geraten ist.
In Deutschland leiden schätzungsweise 2,5 bis 4 Millionen Menschen an chronischen Wunden. Besonders häufig betroffen sind ältere Menschen und Personen mit Grunderkrankungen wie Diabetes oder Durchblutungsstörungen. Eine chronische Wunde ist keine Bagatelle: Sie kann die Lebensqualität erheblich einschränken, starke Schmerzen verursachen und im schlimmsten Fall zu schwerwiegenden Komplikationen führen.
Die drei häufigsten Formen chronischer Wunden sind:
- Ulcus cruris (offenes Bein): Entsteht durch chronische Venenschwäche oder Durchblutungsstörungen, meist am Unterschenkel. Mehr dazu in unserem Ratgeber zum offenen Bein.
- Diabetisches Fußsyndrom: Durch Nervenschaden und Durchblutungsstörungen bei Diabetes entstehen Wunden am Fuß, die oft erst spät bemerkt werden. Lesen Sie dazu unseren Ratgeber zur diabetischen Fußpflege.
- Dekubitus (Druckgeschwür): Entsteht durch anhaltenden Druck auf das Gewebe, z.B. bei bettlägerigen Patienten.
Die häufigsten Ursachen für schlechte Wundheilung
Wenn eine Wunde nicht heilt, hat das in den allermeisten Fällen einen konkreten Grund. Oft wirken mehrere Faktoren zusammen. Die wichtigsten Ursachen im Überblick:
1. Durchblutungsstörungen
Die Durchblutung ist der wichtigste Faktor für die Wundheilung. Über das Blut gelangen Sauerstoff, Nährstoffe und Immunzellen in das verletzte Gewebe. Ist die Durchblutung gestört, fehlt dem Körper das Wichtigste, um die Wunde zu reparieren.
- Arterielle Durchblutungsstörungen (pAVK): Die „Schaufensterkrankheit“ verengt die Arterien, sodass nicht genug Blut in die Beine gelangt. Besonders die Füße und Unterschenkel sind betroffen.
- Venöse Insuffizienz: Wenn die Venenklappen nicht mehr richtig funktionieren, staut sich das Blut in den Beinen. Es kommt zu Schwellungen, Hautveränderungen und letztlich zum offenen Bein.
- Rauchen: Nikotin verengt die Blutgefäße und verschlechtert die Sauerstoffversorgung des Gewebes massiv. Raucher haben ein deutlich höheres Risiko für Wundheilungsstörungen.
2. Diabetes mellitus
Diabetes ist eine der häufigsten Ursachen für schlecht heilende Wunden. Ein dauerhaft erhöhter Blutzuckerspiegel schädigt gleich mehrfach:
- Die kleinen Blutgefäße werden geschädigt (Mikroangiopathie), die Durchblutung verschlechtert sich
- Die Nervenfunktion wird beeinträchtigt (Neuropathie) — Wunden werden nicht mehr spürbar und daher spät bemerkt
- Das Immunsystem wird geschwächt, Infektionen häufen sich
- Die Kollagenbildung für den Wundverschluss ist verlangsamt
3. Medikamente
Bestimmte Medikamente können die Wundheilung erheblich verlangsamen:
- Cortison (Glukokortikoide): Unterdrückt die Entzündungsreaktion, die für die erste Heilungsphase notwendig ist
- Zytostatika (Chemotherapie): Hemmen die Zellteilung, die für die Gewebeneubildung gebraucht wird
- Immunsuppressiva: Schwächen das Immunsystem, z.B. nach Organtransplantation
- Blutverdünner (Antikoagulanzien): Können die Blutungsphase verlängern und die frühe Wundheilung beeinträchtigen
- Bestimmte Schmerzmittel (NSAIDs): Ibuprofen und Diclofenac können in hohen Dosen die Entzündungsphase stören
4. Mangelernährung
Der Körper braucht ausreichend Bausteine, um eine Wunde zu reparieren. Fehlen wichtige Nährstoffe, stockt die Heilung:
- Eiweißmangel: Proteine sind der wichtigste Baustoff für neues Gewebe. Besonders bei älteren Menschen kommt Eiweißmangel häufig vor.
- Vitamin-C-Mangel: Vitamin C ist essentiell für die Kollagenbildung und die Immunabwehr.
- Zinkmangel: Zink ist an der Zellteilung und der Immunfunktion beteiligt.
- Eisenmangel (Anämie): Eisen ist für den Sauerstofftransport im Blut notwendig.
- Vitamin-A-Mangel: Vitamin A unterstützt die Zellerneuerung und das Immunsystem.
5. Infektion der Wunde
Eine Infektion ist sowohl Ursache als auch Folge einer schlecht heilenden Wunde. Bakterien im Wundgebiet verbrauchen Nährstoffe und Sauerstoff, schädigen das Gewebe weiter und halten die Entzündungsreaktion am Laufen — ein Teufelskreis. Besonders problematisch sind sogenannte Biofilme: Bakteriengemeinschaften, die sich auf der Wundoberfläche festsetzen und gegen Antibiotika und das Immunsystem geschützt sind. Mehr dazu in unserem Ratgeber Infizierte Wunde erkennen.
6. Alter
Mit zunehmendem Alter heilen Wunden langsamer. Die Gründe:
- Die Haut wird dünner und verletzlicher
- Die Durchblutung nimmt ab
- Das Immunsystem arbeitet weniger effektiv
- Die Zellteilung verlangsamt sich
- Häufig kommen Grunderkrankungen und Medikamente hinzu
7. Weitere Ursachen
- Mechanische Belastung: Druck, Reibung oder Zug auf die Wunde stören die Heilung. Beispiel: Ein Druckgeschwür am Gesäß heilt nicht, solange der Patient darauf liegt.
- Fremdkrörper: Splitter, Schmutz oder Nähte, die zu lange im Gewebe verbleiben, können die Heilung verhindern.
- Zu trockene Wundbehandlung: Wunden, die austrocknen, heilen schlechter als Wunden, die feucht gehalten werden.
- Psychische Belastung und Stress: Chronischer Stress erhöht den Cortisolspiegel und kann die Immunfunktion beeinträchtigen.
- Adipositas: Fettgewebe ist schlecht durchblutet, zudem gibt es häufiger mechanische Probleme (Hautfalten, erhöhter Druck).
Warnsignale: Wann Sie aufmerksam werden sollten
Nicht jede Wunde, die etwas länger braucht, ist gleich ein Problem. Aber bestimmte Anzeichen sollten Sie ernst nehmen:
- Die Wunde wird nicht kleiner: Nach 1-2 Wochen sollte eine Wunde sichtbar kleiner werden. Stagniert die Heilung, stimmt etwas nicht.
- Die Wunde wird größer: Wenn eine Wunde sich ausdehnt statt zu schrumpfen, brauchen Sie ärztliche Hilfe.
- Wiederholt auftretende Wunden an derselben Stelle: Das deutet auf eine Grunderkrankung hin (z.B. venöse Insuffizienz).
- Die Wunde nässt stark oder dauerhaft: Anhaltendes Nässen nach den ersten Tagen kann auf eine Infektion oder eine gestörte Heilung hinweisen.
- Zunehmende Schmerzen: Normalerweise nimmt der Schmerz mit fortschreitender Heilung ab.
- Verfrärbung des Wundgrunds: Ein gelber, schwarzer oder grauer Wundgrund deutet auf abgestorbenes Gewebe (Nekrose) oder eine Infektion hin.
- Unangenehmer Geruch: Kann auf eine bakterielle Besiedlung oder Infektion hinweisen.
Was Sie selbst tun können
Auch wenn eine chronische Wunde immer ärztlich behandelt werden sollte, können Sie die Heilung durch eigene Maßnahmen unterstützen:
Ernährung optimieren
Die Ernährung spielt eine oft unterschätzte Rolle bei der Wundheilung. Achten Sie auf:
- Ausreichend Eiweiß: Mindestens 1,2-1,5 g pro kg Körpergewicht täglich. Gute Quellen: Fisch, Geflügel, Eier, Milchprodukte, Hülsenfrüchte.
- Vitamin C: Zitrusfrüchte, Paprika, Brokkoli, Kiwi. Mindestens 100 mg täglich.
- Zink: Fleisch, Vollkornprodukte, Nüsse, Käse. 10-15 mg täglich.
- Ausreichend trinken: Mindestens 1,5-2 Liter Wasser täglich. Dehydrierung verschlechtert die Durchblutung.
Bewegung
Regelmäßige Bewegung fördert die Durchblutung und damit die Wundheilung. Gehen Sie täglich spazieren, wenn Ihr Gesundheitszustand es erlaubt. Bei Wunden an den Beinen: Beine regelmäßig hochlagern, um venöse Störungen zu reduzieren.
Rauchen aufhören
Es gibt kaum eine Maßnahme, die die Wundheilung so effektiv verbessert wie das Aufhören mit dem Rauchen. Nikotin verengt die Blutgefäße und reduziert den Sauerstoffgehalt im Blut. Schon wenige Tage nach dem Rauchstopp verbessert sich die Durchblutung spürbar.
Wunde feucht halten
Moderne Wundversorgung setzt auf feuchte Wundheilung. Eine feucht gehaltene Wunde heilt bis zu 50% schneller als eine trockene. Verwenden Sie geeignete Wundauflagen, die ein feuchtes Wundmilieu aufrechterhalten, und lassen Sie die Wunde nicht austrocknen oder verkrusten.
Druckentlastung
Wenn die Wunde an einer Stelle liegt, die Druck ausgesetzt ist (Fußsohle, Gesäß, Ferse), muss dieser Druck konsequent vermieden werden. Nutzen Sie spezielle Schuhe, Einlagen, Lagerungshilfsmittel oder Sitzkissen.
Wann zum Arzt?
Suchen Sie einen Arzt auf, wenn:
- Eine Wunde nach 2-3 Wochen keine Heilungstendenz zeigt
- Die Wunde größer wird statt kleiner
- Zeichen einer Wundinfektion auftreten (Rötung, Schwellung, Eiter, Fieber)
- Sie Diabetiker sind und eine Wunde am Fuß bemerken
- Die Wunde sehr stark nässt oder unangenehm riecht
- Bereits eine Grunderkrankung bekannt ist, die die Heilung beeinträchtigt
- Sie regelmäßig Medikamente einnehmen, die die Heilung verzögern könnten
Der erste Ansprechpartner ist Ihr Hausarzt. Bei chronischen Wunden überweist er Sie gegebenenfalls an eine spezialisierte Wundambulanz, einen Gefäßchirurgen oder Dermatologen.
Behandlungsmöglichkeiten beim Arzt
Diagnose: Die Ursache finden
Der wichtigste Schritt bei der Behandlung einer schlecht heilenden Wunde ist die Ursachensuche. Dazu gehören:
- Körperliche Untersuchung der Wunde und der Umgebung
- Blutuntersuchung (Blutzucker, Eiweiß, Vitamine, Entzündungswerte)
- Durchblutungsprüfung (Doppler-/Duplexsonografie)
- Wundabstrich bei Infektionsverdacht
- Gegebenenfalls Gewebeprobe (Biopsie) bei unklaren Wunden
Wundbehandlung
Die professionelle Wundbehandlung umfasst mehrere Bausteine:
- Wundreinigung (Débridement): Abgestorbenes Gewebe, Beläge und Biofilme werden entfernt, damit sich gesundes Gewebe bilden kann.
- Moderne Wundauflagen: Je nach Wundzustand kommen Schaumstoff-, Hydrogel-, Algiant- oder Silber-haltige Auflagen zum Einsatz.
- Kompressionstherapie: Bei venösen Wunden (offenes Bein) sind Kompressionsverbände oder -strümpfe essentiell.
- Vakuumtherapie (VAC): Ein Unterdruck-Verband fördert die Durchblutung und die Bildung von neuem Gewebe.
- Hauttransplantation: Bei großen Wunden kann eine Übertragung von Hauttransplantaten notwendig sein.
Grunderkrankung behandeln
Ohne Behandlung der Grunderkrankung wird eine chronische Wunde nicht dauerhaft heilen:
- Blutzucker optimal einstellen bei Diabetes
- Durchblutung verbessern (ggf. Gefäßoperation oder Stent)
- Medikamente anpassen, wenn möglich
- Ernährungszustand verbessern
Kosten und Krankenkasse
Die Behandlung chronischer Wunden wird von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Das umfasst:
- Ärztliche Behandlung und Untersuchungen
- Verschriebenes Verbandsmaterial und moderne Wundauflagen
- Häusliche Krankenpflege (Wundversorgung durch Pflegedienst)
- Spezialbehandlungen wie Vakuumtherapie bei medizinischer Notwendigkeit
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Zum Pflegehilfsmittel-CheckHäufig gestellte Fragen
Wann gilt eine Wunde als chronisch?
Eine Wunde gilt als chronisch, wenn sie trotz fachgerechter Behandlung nach 8 Wochen nicht abgeheilt ist. Bei manchen Definitionen wird bereits nach 4-6 Wochen von einer chronischen Wunde gesprochen. Typische Beispiele sind das offene Bein, der diabetische Fuß und Dekubitus. Chronische Wunden benötigen immer ärztliche Behandlung.
Welche Krankheiten verhindern Wundheilung?
Zahlreiche Erkrankungen können die Wundheilung erheblich verzögern: Diabetes mellitus, periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK), chronisch venöse Insuffizienz, Immunschwäche, Anämie, Schilddrüsenerkrankungen und Autoimmunerkrankungen. Auch Medikamente wie Cortison oder Zytostatika können die Wundheilung beeinträchtigen.
Was kann ich selbst tun wenn meine Wunde nicht heilt?
Achten Sie auf eiweißreiche Ernährung mit Vitamin C und Zink. Hören Sie auf zu rauchen. Halten Sie die Wunde feucht. Vermeiden Sie Druck auf die Wunde. Bewegen Sie sich regelmäßig. Und ganz wichtig: Gehen Sie zum Arzt, um die Ursache abklären zu lassen.
Zahlt die Krankenkasse Wundversorgung?
Ja, die gesetzliche Krankenkasse übernimmt die Kosten für die Behandlung chronischer Wunden. Dazu gehören ärztliche Behandlung, Verbandsmaterial, professionelle Wundversorgung durch Pflegedienste und spezielle Therapien. Bei anerkanntem Pflegegrad gibt es zusätzlich Pflegehilfsmittel im Wert von 40 Euro monatlich.