Diabetischer Fuß: Pflege und Vorbeugung im Alltag

Das diabetische Fußsyndrom (DFS) ist eine der gefürchtetsten Komplikationen bei Diabetes mellitus. Jedes Jahr müssen in Deutschland rund 40.000 Amputationen durchgeführt werden, die auf einen diabetischen Fuß zurückgehen. Die bittere Wahrheit: Viele dieser Amputationen wären vermeidbar — durch konsequente Vorbeugung und frühzeitiges Erkennen von Problemen.

Als pflegender Angehöriger können Sie entscheidend dazu beitragen, die Füße Ihres Familienmitglieds zu schützen. Dieser Ratgeber zeigt Ihnen, worauf es im Alltag ankommt.

Was ist das diabetische Fußsyndrom?

Der Begriff „diabetischer Fuß“ beschreibt verschiedene krankhaft Veränderungen an den Füßen, die als Spätfolge von Diabetes auftreten können. Dazu gehören:

  • Offene Wunden (Ulzera) an den Füßen, die schlecht heilen
  • Infektionen, die sich schnell ausbreiten können
  • Verformungen der Fußknochen (Charcot-Fuß)
  • Im schlimmsten Fall: Gewebetod (Nekrose), der eine Amputation erfordert
Zahlen und Fakten: Etwa 25 Prozent aller Menschen mit Diabetes entwickeln im Laufe ihres Lebens ein Fußproblem. Bei guter Vorsorge lässt sich das Risiko einer Amputation um über 80 Prozent senken. Vorbeugung ist also außerordentlich wirksam.

Warum ist Diabetes für die Füße so gefährlich?

Ein dauerhaft erhöhter Blutzucker schädigt im Laufe der Jahre zwei wichtige Systeme:

1. Die Nerven (diabetische Neuropathie)

Etwa 50 Prozent aller langjährigen Diabetiker entwickeln eine Schädigung der Nerven in den Füßen. Die Folgen:

  • Verlust des Schmerzempfindens: Der Betroffene spürt Verletzungen nicht — ein Stein im Schuh, eine Blase, ein eingewachsener Nagel. Kleine Wunden bleiben unbemerkt und werden groß.
  • Verlust des Temperaturempfindens: Verbrühungsgefahr durch zu heißes Wasser, Wärmflaschen.
  • Trockene Haut: Die Schweißdrüsen funktionieren nicht mehr richtig. Die Haut wird trocken, rissig — und durch die Risse können Keime eindringen.
  • Fußfehlstellungen: Veränderte Muskelspannung führt zu Krallen- und Hammerzehen, veränderter Druckbelastung.

2. Die Blutgefäße (diabetische Angiopathie)

Diabetes schädigt auch die Blutgefäße. Die Durchblutung der Füße verschlechtert sich. Das bedeutet:

  • Das Gewebe bekommt weniger Sauerstoff und Nährstoffe
  • Wunden heilen viel schlechter
  • Das Immunsystem arbeitet vor Ort weniger effektiv — Infektionen breiten sich schneller aus
Das tückische Zusammenspiel: Der Betroffene spürt die Verletzung nicht (wegen der Neuropathie) — und die Wunde heilt nicht (wegen der Durchblutungsstörung). Was bei einem gesunden Menschen ein kleiner Kratzer wäre, kann sich bei einem Diabetiker innerhalb weniger Tage zu einer schweren Infektion entwickeln.

Wer ist besonders gefährdet?

Nicht jeder Mensch mit Diabetes bekommt einen diabetischen Fuß. Besonders gefährdet sind Personen mit:

  • Langjährigem Diabetes (mehr als 10 Jahre)
  • Schlechter Blutzuckereinstellung (HbA1c dauerhaft über 7,5 %)
  • Bereits bestehender Neuropathie (Taubheitsgefühl, Kribbeln in den Füßen)
  • Früheren Fußwunden oder Amputationen
  • Fußfehlstellungen (Hallux valgus, Hammerzehen)
  • Eingeschränktem Sehvermögen (können Füße nicht selbst kontrollieren)
  • Eingeschränkter Beweglichkeit (kommen nicht an die Füße)
  • Rauchen und Bluthochdruck

Tägliche Fußpflege: Die 7 wichtigsten Regeln

Die tägliche Fußpflege ist der wichtigste Schutz vor dem diabetischen Fuß. Als Angehöriger können Sie hierbei unterstützen oder die Pflege übernehmen, wenn Ihr Familienmitglied es nicht selbst kann.

Regel 1: Täglich waschen — aber richtig

  • Füße täglich in lauwarmem Wasser waschen (maximal 37 °C — immer mit Thermometer oder Ellenbogen prüfen!)
  • Nicht länger als 3–5 Minuten baden, sonst weicht die Haut auf
  • Milde, pH-neutrale Seife verwenden
  • Anschließend gründlich abtrocknen, besonders zwischen den Zehen (Pilzgefahr!)
Kein heißes Wasser! Durch die Neuropathie spüren viele Diabetiker die Temperatur nicht richtig. Verbrühungen sind eine häufige Ursache für schwere Fußwunden. Prüfen Sie die Wassertemperatur immer mit einem Thermometer.

Regel 2: Eincremen — jeden Tag

  • Urea-haltige Fußcreme (5–10 % Urea) auf die gesamte Fußsohle und den Fußrücken auftragen
  • Nicht zwischen die Zehen cremen (Feuchtigkeitsstau begünstigt Fußpilz)
  • Gut einmassieren, bis die Creme eingezogen ist

Regel 3: Täglich kontrollieren

Die wichtigste aller Regeln. Schauen Sie sich die Füße jeden Tag genau an — besonders die Fußsohle, zwischen den Zehen und an den Fersen.

Ausführliche Checkliste: Tägliche Kontrolle des diabetischen Fußes

Regel 4: Richtige Nagelpflege

  • Nägel gerade feilen (nicht schneiden!), Ecken leicht abrunden
  • Keine spitzen Scheren oder Nagelzangen
  • Bei verdickten oder veränderten Nägeln: zum Podologen

Regel 5: Passende Schuhe und Strümpfe

  • Schuhe täglich auf Fremdkörper und Druckstellen kontrollieren
  • Nahtlose Strümpfe ohne einengende Bündchen
  • Strümpfe täglich wechseln
  • Nie barfuß laufen!

Die richtigen Schuhe bei diabetischem Fuß

Regel 6: Keine Selbstbehandlung

  • Keine Hornhauthobel oder Raspeln — Verletzungsgefahr
  • Keine Hühneraugenpflaster — enthalten ätzende Säure
  • Keine Wärmflaschen oder Heizkissen an den Füßen — Verbrühungsgefahr
  • Hornhaut nur vorsichtig mit einem Bimsstein entfernen (auf feuchter Haut)

Regel 7: Gute Blutzuckereinstellung

Die beste Vorbeugung ist ein gut eingestellter Blutzucker. Unterstützen Sie Ihren Angehörigen bei der konsequenten Therapie und regelmäßigen ärztlichen Kontrollen.

Routine hilft: Integrieren Sie die Fußpflege in den Tagesablauf — zum Beispiel immer nach dem Duschen oder vor dem Schlafengehen. Was zur Gewohnheit wird, wird nicht vergessen.

Tägliche Kontrolle: Worauf achten?

Schauen Sie sich die Füße jeden Tag an. Wenn Ihr Angehöriger schlecht sehen kann oder nicht an seine Füße kommt, übernehmen Sie diese Aufgabe. Achten Sie auf:

  • Rötungen — besonders an Druckstellen (Ballen, Ferse, Zehen)
  • Blasen und Schwielen
  • Risse und Einrisse in der Haut
  • Verfärbungen — blaue, schwarze oder weiße Stellen
  • Schwellungen
  • Temperaturunterschiede — ein Fuß wärmer als der andere
  • Veränderungen an den Nägeln
  • Fußpilz — zwischen den Zehen: gerötete, juckende, schuppende Haut

Ausführliche Checkliste: Tägliche Kontrolle des diabetischen Fußes — Worauf Sie achten müssen

Nagelpflege bei Diabetes

Die Nagelpflege ist ein besonders heikles Thema, da hier leicht Verletzungen passieren können.

  • Feilen statt schneiden: Verwenden Sie eine feine Sandpapierfeile. Feilen Sie die Nägel gerade, die Ecken nur leicht abrunden — nicht zu kurz.
  • Nie zu kurz: Die Nagelkante sollte mit der Zehenkuppe abschließen.
  • Keine spitzen Instrumente: Keine Nagelschere, kein Nagelzwickler — zu große Verletzungsgefahr.
  • Bei Problemnägeln zum Podologen: Eingewachsene, verdickte oder verpilzte Nägel gehören in professionelle Behandlung.

Podologe: Professionelle Fußpflege auf Rezept

Bei einem erhöhten Risiko für das diabetische Fußsyndrom hat Ihr Angehöriger Anspruch auf podologische Behandlung auf Rezept. Der Hausarzt oder Diabetologe kann diese verordnen.

Risikoeinstufung Anspruch auf Podologie
Neuropathie ohne frühere Wunde Bis zu 6 Behandlungen pro Verordnung
Neuropathie mit früherer Wunde oder Amputation Bis zu 6 Behandlungen pro Verordnung, kürzere Intervalle
Neuropathie mit Durchblutungsstörung Wie oben, besonders engmaschig
Wichtig: Nur ein Podologe (medizinischer Fußpfleger mit staatlicher Prüfung) darf auf Kassenrezept behandeln. Eine kosmetische Fußpflegerin reicht bei Diabetes-Risikopatienten nicht aus.

Richtiges Schuhwerk

Falsches Schuhwerk ist eine der häufigsten Ursachen für Druckstellen und Wunden am diabetischen Fuß. Achten Sie auf:

  • Ausreichend Platz für die Zehen (mindestens 1 cm Länge vor der längsten Zehe)
  • Weiche, nahtfreie Innenverarbeitung
  • Feste Sohle mit guter Dämpfung
  • Neue Schuhe langsam einlaufen (maximal 1 Stunde am Tag, dann steigern)
  • Schuhe nachmittags kaufen (Füße sind dann etwas geschwollen)
  • Täglich mit der Hand in den Schuh greifen — auf Steinchen, Falten, raue Stellen prüfen

Ausführlicher Ratgeber: Die richtigen Schuhe bei diabetischem Fuß

Wann sofort zum Arzt?

Sofort ärztlich abklären lassen bei:
  • Jeder offenen Stelle am Fuß — auch wenn sie noch so klein ist
  • Rötung, Schwellung, Überwärmung (Infektionszeichen)
  • Verfärbungen (blau, schwarz, weiß)
  • Plötzlicher Schwellung eines Fußes oder Knöchels
  • Fieber in Verbindung mit Fußproblemen
  • Starkem Geruch von einer Wunde
  • Einem Fuß, der sich deutlich wärmer anfühlt als der andere
  • Eingewachsenem Zehennagel

Nicht abwarten! Beim diabetischen Fuß zählt jeder Tag. Was heute ein kleiner roter Fleck ist, kann morgen eine tiefe Infektion sein. Lieber einmal zu oft zum Arzt als einmal zu wenig.

Häufige Fragen

Mein Angehöriger spürt nichts an den Füßen. Was bedeutet das?

Wenn das Gefühl in den Füßen nachlässt oder verschwunden ist, liegt wahrscheinlich eine diabetische Neuropathie vor. Das ist ein ernstes Warnsignal, denn Verletzungen werden nicht mehr bemerkt. Der Angehörige sollte dies unbedingt dem Arzt mitteilen, und die tägliche Fußkontrolle durch Sie oder eine andere Person wird umso wichtiger.

Zahlt die Krankenkasse die podologische Behandlung?

Ja, wenn eine diabetische Neuropathie und/oder Durchblutungsstörung vorliegt. Der Arzt stellt eine Verordnung für podologische Therapie aus. Die Krankenkasse übernimmt die Kosten, es fällt lediglich die gesetzliche Zuzahlung an (10 % plus 10 Euro pro Verordnung, entfällt bei Befreiung).

Darf mein Angehöriger mit Diabetes barfuß laufen?

Nein — zumindest nicht, wenn eine Neuropathie vorliegt. Ohne Schmerzempfinden werden Verletzungen durch Steinchen, scharfe Kanten oder heiße Flächen nicht bemerkt. Auch zu Hause sollten geschlossene, weiche Hausschuhe getragen werden. Am Strand Badeschuhe tragen.

Welche Fußcreme ist bei Diabetes am besten?

Verwenden Sie eine urea-haltige Fußcreme (5–10 % Urea), die speziell für diabetische Haut entwickelt wurde. Produkte wie Allpresan Diabetic, Eubos Diabetische Haut oder Gehwol med reichen gut. Wichtig: parfumfrei, ohne reizende Inhaltsstoffe, und nicht zwischen die Zehen auftragen.

Wie oft sollte der Arzt die Füße kontrollieren?

Das hängt vom Risiko ab. Die Nationale Versorgungsleitlinie empfiehlt: Bei niedrigem Risiko (keine Neuropathie) mindestens einmal jährlich. Bei erhöhtem Risiko (Neuropathie vorhanden) alle 3–6 Monate. Bei hohem Risiko (frühere Wunde oder Amputation) alle 1–3 Monate.

Pflegehilfsmittel-Check

Prüfen Sie, welche Pflegehilfsmittel Ihrem Angehörigen zustehen. Handschuhe, Desinfektionsmittel und Einmalunterlagen für die Fußpflege können übernommen werden.

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Coryn Högberg, ICW-Wundexpertin
Medizinisch geprüfter Inhalt

Dieser Artikel basiert auf der Nationalen VersorgungsLeitlinie „Typ-2-Diabetes — Prävention und Behandlung von Netzhaut-, Nieren- und Fußkomplikationen" sowie den Praxisempfehlungen der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG). Alle Tipps entsprechen dem aktuellen Stand der diabetologischen Versorgung. Quellen: NVL Typ-2-Diabetes, DDG-Praxisempfehlungen, Leitlinie Diabetisches Fußsyndrom (AWMF). Mehr zur Autorin

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