Offenes Bein: Wundversorgung zu Hause — Schritt für Schritt

Wenn Ihr Angehöriger ein offenes Bein (Ulcus cruris) hat, übernimmt in der Regel ein Pflegedienst die Wundversorgung. Doch es gibt Situationen, in denen Sie als Angehöriger den Verbandwechsel selbst durchführen müssen — etwa am Wochenende, zwischen den Pflegeeinsätzen oder auf Reisen.

In diesem Ratgeber zeigen wir Ihnen Schritt für Schritt, wie Sie die Wundversorgung sicher durchführen. Wichtig: Lassen Sie sich die Handgriffe zuerst vom Pflegedienst oder Wundmanager zeigen und üben Sie gemeinsam, bevor Sie allein wechseln.

Voraussetzung: Die Wundversorgung beim offenen Bein sollte immer unter ärztlicher Begleitung stattfinden. Ihr Arzt verordnet die passende Wundauflage und den Verbandwechsel-Rhythmus. Dieser Artikel ersetzt nicht die Einweisung durch Fachpersonal.

Grundlagen der Wundversorgung

Die Wundversorgung beim offenen Bein folgt drei Grundprinzipien:

  1. Feucht statt trocken: Moderne Wundauflagen halten die Wunde in einem feucht-warmen Milieu. Das fördert die Heilung und verhindert, dass die Auflage an der Wunde festklebt.
  2. Sauber, nicht steril: Eine chronische Wunde wie das offene Bein ist nie völlig keimfrei. Ziel ist eine saubere Wundversorgung mit sauberem Material — absolute Sterilität wie im OP ist zu Hause weder möglich noch nötig.
  3. Sanft: Die empfindliche Wundoberfläche darf nicht beschädigt werden. Kein Reiben, kein Rubbeln, kein Ziehen.

Was Sie benötigen: Materialliste

Legen Sie vor dem Verbandwechsel alles griffbereit auf eine saubere Unterlage:

Material Zweck Bezugsquelle
Einmalhandschuhe (unsteril) Schutz für Sie und den Patienten Pflegebox / Apotheke
Wundspüllösung (NaCl 0,9%) oder Ringerlösung Wundreinigung Rezept / Apotheke
Sterile Kompressen (10x10 cm) Reinigung, Trockentupfen Pflegebox / Apotheke
Wundauflage (lt. Verordnung) Wundabdeckung Rezept / Apotheke
Hautschutzpräparat Schutz der Wundumgebung Apotheke
Fixierpflaster oder Fixierbinde Befestigung der Wundauflage Pflegebox / Apotheke
Abwurfbeutel Entsorgung gebrauchter Materialien Pflegebox
Unterlage (Einmalunterlage) Schutz von Bett oder Sofa Pflegebox
Praxistipp: Richten Sie sich eine „Wundversorgungsstation“ ein — eine Kiste oder Schublade, in der alle Materialien sortiert griffbereit liegen. So müssen Sie vor jedem Wechsel nicht erst alles zusammensuchen.

Vorbereitung: Hygiene geht vor

Vor jedem Verbandwechsel:

  1. Hände waschen — mindestens 30 Sekunden mit Seife, alle Fingerzwischenräume und Daumen
  2. Händedesinfektion — Desinfektionsmittel in die trockenen Hände einreiben, 30 Sekunden einwirken lassen
  3. Saubere Arbeitsfläche — Tisch abwischen, Einmalunterlage ausbreiten
  4. Alle Materialien bereitlegen — nichts ist schlimmer, als mit offener Wunde noch etwas holen zu müssen
  5. Einmalhandschuhe anziehen

Sorgen Sie für eine bequeme Position Ihres Angehörigen. Das Bein sollte gut zugänglich sein und leicht erhöht liegen. Gutes Licht ist wichtig, damit Sie die Wunde genau beurteilen können.

Schritt-für-Schritt-Anleitung: Verbandwechsel

Schritt 1: Alten Verband entfernen

  • Lösen Sie Fixierpflaster oder Binden vorsichtig
  • Ziehen Sie die alte Wundauflage langsam und in Wuchsrichtung der Haare ab
  • Klebt die Auflage fest: Befeuchten Sie sie mit steriler Kochsalzlösung und warten Sie 1–2 Minuten — niemals ruckartig abreißen!
  • Werfen Sie die alte Auflage in den Abwurfbeutel
  • Handschuhe wechseln
Blick auf die alte Auflage: Schauen Sie sich die entfernte Wundauflage kurz an. Wie viel Flüssigkeit (Exsudat) ist darauf? Welche Farbe hat sie? Übelriechend? Diese Informationen sind wichtig für die Beurteilung des Heilungsverlaufs.

Schritt 2: Wunde beurteilen

Bevor Sie die neue Auflage anlegen, nehmen Sie sich einen Moment Zeit, die Wunde genau anzuschauen:

  • Größe: Hat sich die Wunde verkleinert? Vergrößert?
  • Wundgrund: Rötlich (gut — Granulationsgewebe), gelblich (Fibrinbelag), schwarz (abgestorbenes Gewebe — Arzt informieren)
  • Wundrand: Glatt oder unterhöhlt? Ist neue Haut zu sehen (Epithelisierung)?
  • Geruch: Stark verändert oder übelriechend?
  • Wundumgebung: Gerötet, geschwollen, überwärmt?

Schritt 3: Wunde reinigen

  • Spülen Sie die Wunde mit körperwarmer steriler Kochsalzlösung (Flasche vorher in warmem Wasser anwärmen)
  • Geben Sie die Lösung sanft über die Wunde — nicht spritzen oder reiben
  • Tupfen Sie die Wundumgebung (nicht die Wunde selbst!) mit einer sterilen Kompresse vorsichtig trocken
Was Sie NICHT zur Reinigung verwenden dürfen: Leitungswasser (Keime!), Desinfektionsmittel (schädigt Zellen), Wasserstoffperoxid, Kamillenlösung, Jod. Diese Mittel stören die Wundheilung und können allergische Reaktionen auslösen.

Schritt 4: Wundrand schützen

Die Haut rund um ein offenes Bein wird durch die ständige Feuchtigkeit stark beansprucht. Tragen Sie dünn ein Hautschutzpräparat (z.B. Zinkcreme oder einen speziellen Hautschutzfilm) auf die gesunde Haut rund um die Wunde auf — nicht auf die Wunde selbst.

Schritt 5: Neue Wundauflage anlegen

  • Öffnen Sie die Verpackung der Wundauflage erst jetzt (Sterilität)
  • Schneiden Sie die Auflage ggf. zurecht — sie sollte 2–3 cm über den Wundrand hinausreichen
  • Legen Sie die Auflage vorsichtig auf die Wunde — nicht verschieben oder andrücken
  • Berühren Sie dabei nur die Ränder der Auflage, nicht die Wundkontaktseite

Schritt 6: Fixieren

  • Befestigen Sie die Wundauflage mit hypoallergenem Fixierpflaster oder einer lockeren Fixierbinde
  • Nicht zu fest — die Durchblutung darf nicht eingeschränkt werden
  • Darüber kommt bei venösem Ulcus der Kompressionsverband

Schritt 7: Aufräumen

  • Gebrauchte Materialien im Abwurfbeutel verschließen und im Hausmüll entsorgen
  • Handschuhe ausziehen
  • Hände waschen und desinfizieren
  • Beobachtungen dokumentieren

Wundauflagen: Welche wofür?

Die Auswahl der richtigen Wundauflage ist Sache des Arztes oder Wundmanagers. Damit Sie verstehen, was verwendet wird:

Wundauflage Geeignet bei Wechselintervall
Schaumverband (z.B. Mepilex) Mäßig bis stark nässende Wunden Alle 2–4 Tage
Alginat Stark nässende, tiefe Wunden Alle 1–3 Tage
Hydrofaser (z.B. Aquacel) Mäßig nässende Wunden Alle 2–5 Tage
Hydrogel Trockene Wunden, Fibrinbeläge Alle 1–3 Tage
Silberhaltige Auflagen Infizierte oder infektionsgefährdete Wunden Laut Herstellerangabe
Wichtig: Wundauflagen auf Rezept sind verordnungsfähig — Ihr Arzt kann sie auf einem Kassenrezept verschreiben. Sie müssen die oft teuren Produkte nicht selbst bezahlen.

Infektionszeichen erkennen

Eine der wichtigsten Aufgaben beim Verbandwechsel ist das frühzeitige Erkennen einer Wundinfektion. Achten Sie auf diese Warnzeichen:

Sofort den Arzt informieren bei:
  • Zunehmende Rötung — die sich über den Wundrand hinaus ausbreitet
  • Überwärmung — die Wundumgebung fühlt sich deutlich wärmer an
  • Schwellung — zunehmend rund um die Wunde
  • Schmerzen — die stärker werden oder neu auftreten
  • Eiter — gelb-grünliche, milchige oder trübe Flüssigkeit
  • Geruch — plötzlich übelriechend oder verändert
  • Fieber — Körpertemperatur über 38,5 °C
  • Rote Streifen — die vom Wundrand wegführen (Lymphangitis — Notfall!)

Häufige Fehler vermeiden

  1. Wundauflage zu früh wechseln: Ein häufiger Fehler ist das tägliche Wechseln, obwohl die Auflage noch intakt ist. Jeder Wechsel stört die Wundheilung. Halten Sie sich an das verordnete Intervall.
  2. An der Wunde reiben: Beim Reinigen wird die Wunde gespült, nicht gerieben. Neues Granulationsgewebe ist extrem empfindlich.
  3. Hausmittel auftragen: Honig, Quark, Öle — bitte nicht. Verwenden Sie nur ärztlich verordnete Produkte.
  4. Kompression weglassen: Die Wundauflage allein reicht nicht. Ohne Kompressionsverband heilt ein venöses Ulcus nicht.
  5. Wunde „an der Luft trocknen“ lassen: Das ist überholt. Feuchte Wundheilung ist der Standard.
  6. Verunreinigte Materialien verwenden: Geöffnete Kompressen oder Auflagen aus einer früheren Sitzung nicht wiederverwenden.

Wunde dokumentieren

Eine gute Dokumentation hilft Ihnen, dem Pflegedienst und dem Arzt, den Heilungsverlauf zu beurteilen. Notieren Sie bei jedem Verbandwechsel:

  • Datum und Uhrzeit
  • Wundgröße (Länge x Breite, ggf. mit einem Lineal am Wundrand messen)
  • Aussehen des Wundgrundes (Farbe, Beläge)
  • Menge und Art des Exsudats (wenig/viel, klar/trüb/blutig)
  • Geruch (ja/nein, verstärkt?)
  • Zustand der Wundumgebung (Rötung, Schwellung?)
  • Verwendete Materialien
  • Auffälligkeiten, Schmerzen des Betroffenen
Foto-Dokumentation: Ein Foto bei jedem Verbandwechsel (immer aus dem gleichen Abstand und Winkel, mit Datumsstempel) ist die einfachste und aussagekräftigste Form der Dokumentation. So können Sie dem Arzt auch telefonisch oder per Mail den aktuellen Zustand zeigen.

Ausführlicher Ratgeber: Wunddokumentation für Angehörige: Warum und wie dokumentieren

Häufige Fragen zur Wundversorgung

Wie oft muss der Verband gewechselt werden?

Das hängt von der Wundauflage und der Wundsituation ab. Moderne Schaumverbände können 2–4 Tage liegen bleiben. Alginate bei stark nässenden Wunden müssen häufiger gewechselt werden. Ihr Wundmanager legt das Intervall fest. Außerplanmäßig wechseln, wenn die Auflage durchfeuchtet ist oder sich löst.

Was tun, wenn die Wundauflage festklebt?

Niemals reißen! Befeuchten Sie die festklebende Auflage großzügig mit steriler Kochsalzlösung. Warten Sie 2–3 Minuten und versuchen Sie es erneut. Klebt die Auflage regelmäßig fest, ist sie möglicherweise nicht die richtige — sprechen Sie den Wundmanager darauf an.

Darf ich die Wundauflage zuschneiden?

Schaumverbände dürfen in der Regel zugeschnitten werden. Bei einigen Spezialauflagen (z.B. bestimmten silberhaltigen Auflagen) ist das nicht empfohlen. Fragen Sie im Zweifel den Wundmanager oder lesen Sie die Packungsbeilage.

Wer übernimmt die Kosten für Wundauflagen?

Wundauflagen sind verordnungsfähige Verbandmittel und werden von der Krankenkasse übernommen. Ihr Arzt stellt ein Rezept aus. Sie zahlen maximal die gesetzliche Zuzahlung (5–10 Euro pro Rezept). Personen mit Befreiungsausweis zahlen nichts.

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Coryn Högberg, ICW-Wundexpertin
Medizinisch geprüfter Inhalt

Diese Anleitung basiert auf den Empfehlungen der Initiative Chronische Wunden (ICW) und dem Expertenstandard „Pflege von Menschen mit chronischen Wunden" (DNQP). Alle Schritte entsprechen dem aktuellen Stand der Wundversorgungspraxis. Quellen: ICW-Leitlinien, DNQP-Expertenstandard, AWMF-Leitlinie 091-001. Mehr zur Autorin

Medizinischer Hinweis: Die Informationen auf dieser Seite ersetzen keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Alle Inhalte dienen ausschließlich der allgemeinen Information. Bei gesundheitlichen Beschwerden wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt. Bei Notfällen rufen Sie den Notruf (112) an.