Kompressionsverband anlegen: Anleitung für Angehörige

Der Kompressionsverband ist das wirksamste Mittel bei der Behandlung eines offenen Beins (Ulcus cruris venosum). Ohne Kompression heilt die Wunde in den allermeisten Fällen nicht — auch nicht bei bester Wundversorgung. Doch das Anlegen eines Kompressionsverbandes will gelernt sein.

In dieser Anleitung zeigen wir Ihnen als pflegender Angehöriger Schritt für Schritt, wie Sie einen Kompressionsverband korrekt anlegen. Lassen Sie sich die Technik zuerst vom Pflegedienst zeigen und üben Sie gemeinsam, bevor Sie es allein tun.

Wichtige Voraussetzung: Ein Kompressionsverband darf nur angelegt werden, wenn ein Arzt die arterielle Durchblutung geprüft hat (ABI-Messung). Bei arteriellen Durchblutungsstörungen kann Kompression gefährlich sein und im schlimmsten Fall zu Gewebeschäden führen. Wickeln Sie niemals auf eigene Faust!

Warum ist der Kompressionsverband so wichtig?

Beim offenen Bein funktioniert der venöse Rücktransport des Blutes nicht richtig. Das Blut staut sich in den Unterschenkeln, das Gewebe schwillt an und wird nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Der Kompressionsverband wirkt diesem Teufelskreis entgegen:

  • Er drückt die erweiterten Venen zusammen, sodass die Venenklappen wieder besser schließen
  • Er unterstützt die Wadenmuskelpumpe, die das Blut nach oben transportiert
  • Er reduziert die Schwellung (Ödeme gehen zurück)
  • Das Gewebe bekommt wieder mehr Sauerstoff — die Wunde kann heilen
Studienlage: Ohne Kompression heilen nur etwa 20–30 Prozent der venösen Ulcera. Mit konsequenter Kompressionstherapie steigt die Heilungsrate auf über 70 Prozent. Die Kompression ist damit wichtiger als jede Wundauflage.

Voraussetzungen: Wann darf komprimiert werden?

Bevor Sie einen Kompressionsverband anlegen, müssen folgende Punkte erfüllt sein:

  • Ärztliche Freigabe: Der ABI-Wert (Knöchel-Arm-Druck-Index) muss über 0,8 liegen. Nur dann ist eine Kompression sicher.
  • Fachliche Einweisung: Ein Pflegedienst oder Wundmanager hat Ihnen die Technik gezeigt und Sie haben unter Aufsicht geübt.
  • Verordnung: Ihr Arzt hat die Kompressionstherapie verordnet und die Kompressionsklasse festgelegt.

Materialien

Für einen phlebologischen Kompressionsverband (PKV) benötigen Sie:

Material Zweck Hinweis
Schlauchverband Unterzug, schützt die Haut Optional, aber empfohlen
Polsterbinde (Watte/Schaumstoff) Gleicht Unebenheiten aus, schützt Knochenvorspünge Besonders wichtig an Knöcheln und Schienbein
Kurzzugbinden (2–3 Stück, 8–10 cm) Die eigentliche Kompression Kurzzugbinden, nicht Langzugbinden!
Fixierpflaster / Klammern Befestigung Klammern nur verwenden, wenn Sie geübt sind
Kurzzug vs. Langzug: Verwenden Sie ausschließlich Kurzzugbinden (geringe Dehnbarkeit). Sie üben beim Gehen hohen Druck aus (Arbeitsdruck), haben aber in Ruhe einen niedrigen Druck (Ruhedruck) — ideal für die Kompressionstherapie. Langzugbinden (z.B. elastische Binden aus dem Verbandskasten) haben einen dauerhaft hohen Ruhedruck und können Druckschäden verursachen.

Vorbereitung

  1. Zeitpunkt: Legen Sie den Verband morgens an, am besten bevor Ihr Angehöriger aufsteht. Das Bein ist dann am wenigsten geschwollen.
  2. Bein hochlegen: Falls das Aufstehen schon passiert ist: Bein mindestens 20 Minuten hochlegen (über Herzniveau), damit die Schwellung zurückgeht.
  3. Wundversorgung zuerst: Falls ein Verbandwechsel fällig ist, diesen vor der Kompression durchführen.
  4. Hautpflege: Die Haut (nicht die Wunde!) mit einer pflegenden Lotion eincremen. Gut einziehen lassen.
  5. Binden vorbereiten: Kurzzugbinden locker aufrollen, damit sie beim Wickeln gleichmäßig abrollen.

Schritt-für-Schritt-Anleitung

Schritt 1: Schlauchverband anlegen

Ziehen Sie einen passenden Schlauchverband über das Bein — von den Zehen bis unters Knie. Er schützt die Haut und verhindert, dass die Binden direkt auf der Haut reiben.

Schritt 2: Polsterbinde wickeln

  • Beginnen Sie an den Zehengrundgelenken (die Zehen bleiben frei!)
  • Wickeln Sie spiralförmig und ohne Zug nach oben
  • Jede Tour überlappt die vorherige zur Hälfte
  • Knöchel und Schienbein extra polstern — legen Sie hier eine zusätzliche Schicht auf
  • Wickeln Sie bis 2 Fingerbreit unter das Knie
Warum polstern? Ohne Polsterung entsteht an Knochenvorspüngen (Knöchel, Schienbeinkante) übermäßiger Druck, der zu Druckstellen und Hautschäden führen kann. Die Polsterung gleicht die Körperkonturen aus und sorgt für eine gleichmäßige Druckverteilung.

Schritt 3: Erste Kurzzugbinde anlegen

  1. Beginnen Sie am Fußballen (Zehengrundgelenke)
  2. Wickeln Sie zunächst 2 Achtertouren um den Fuß:
    • Über den Fußrücken zum Außenknöchel
    • Um die Ferse herum
    • Über den Innenknöchel zurück zum Fußrücken
    • Diese Acht wiederholen
  3. Dann spiralförmig den Unterschenkel hinauf wickeln
  4. Jede Tour überlappt die vorherige zu 50 Prozent
  5. Wickelrichtung: von innen nach außen (bei Blick auf den liegenden Patienten: gegen den Uhrzeigersinn am rechten Bein, im Uhrzeigersinn am linken)
Der richtige Druck: Wickeln Sie mit mäßigem Zug — die Binde soll gespannt, aber nicht maximal gedehnt sein. Faustregel: Dehnen Sie die Binde auf etwa 50–70 Prozent ihrer maximalen Dehnbarkeit. Der Druck soll am Fuß am stärksten sein und nach oben hin abnehmen (Druckgradient). Das passiert automatisch, wenn Sie überall gleich fest wickeln, weil der Unterschenkel nach oben dicker wird.

Schritt 4: Zweite (und ggf. dritte) Kurzzugbinde

  • Setzen Sie dort an, wo die erste Binde endet
  • Wickeln Sie weiter spiralförmig nach oben
  • Enden Sie 2 Fingerbreit unter dem Knie — der Verband darf nicht in die Kniekehle rutschen

Schritt 5: Fixieren

  • Befestigen Sie die Bindenenden mit Fixierpflaster
  • Keine Sicherheitsnadeln oder spitze Klammern — Verletzungsgefahr!
  • Der Verband darf nicht rutschen, aber auch nicht einschnüren

Kontrolle nach dem Anlegen

Nach dem Anlegen und in den ersten Stunden danach sollten Sie regelmäßig kontrollieren:

Zehen-Check — führen Sie ihn regelmäßig durch:
  • Sind die Zehen warm und rosig? Gut.
  • Sind die Zehen kalt, blau oder weiß? Verband sofort öffnen!
  • Kann der Betroffene die Zehen bewegen?
  • Hat der Betroffene ein Taubheitsgefühl oder Kribbeln? Verband lockern!
  • Klagt der Betroffene über Schmerzen, die vorher nicht da waren? Verband abnehmen und Arzt konsultieren.

Häufige Fehler und wie Sie sie vermeiden

  1. Zu fest wickeln: Der häufigste und gefährlichste Fehler. Zu hoher Druck kann die arterielle Durchblutung behindern. Beobachten Sie die Zehen!
  2. Zu locker wickeln: Dann hat der Verband keine Wirkung. Prüfen Sie: Können Sie zwei Finger unter den Verband schieben? Dann ist er zu locker.
  3. Polsterung vergessen: Ohne Polsterung entstehen Druckstellen an den Knöcheln. Immer polstern!
  4. Langzugbinden verwenden: Langzugbinden (stark dehnbar) sind für die venöse Kompression ungeeignet. Nur Kurzzugbinden verwenden.
  5. Falten und Taschen: Die Binden müssen glatt anliegen. Falten erzeugen punktuellen Druck und können Druckstellen verursachen.
  6. Zehen einwickeln: Die Zehen müssen frei bleiben, damit Sie die Durchblutung kontrollieren können.
  7. In die Kniekehle wickeln: Der Verband endet unter dem Knie. In der Kniekehle würde er die Blutgefäße abdrücken.
  8. Verband anlegen, obwohl das Bein geschwollen ist: Erst Schwellung durch Hochlagern reduzieren, dann wickeln.

Wann den Verband entfernen

  • Abends vor dem Schlafen: In der Regel wird der Verband morgens angelegt und abends abgenommen. Nachts im Liegen ist keine Kompression nötig.
  • Sofort bei Schmerzen: Wenn der Verband Schmerzen verursacht, kalte oder blaue Zehen auftreten oder der Betroffene über Taubheitsgefühl klagt.
  • Bei starkem Rutschen: Ein stark verrutschter Verband kann Einschnürungen bilden. Abnehmen und neu anlegen.
  • Zum Verbandwechsel: Wenn die Wundauflage gewechselt werden muss.

Alternativen zum klassischen Wickeln

Nicht jeder Angehörige schafft es, einen Kompressionsverband korrekt zu wickeln. Es gibt gute Alternativen:

Alternative Vorteile Nachteile
Mehrkomponenten-Verbandsysteme (z.B. Profore, UrgoK2) Einfacher anzulegen, vordosierter Druck, bis zu 7 Tage tragbar Teurer, nicht individuell anpassbar
Ulkus-Strumpfsysteme (z.B. mediven ulcer kit) Sehr einfach anzuziehen, Verbandwechsel darunter möglich Nur bei mäßiger Schwellung, Rezeptpflichtig
Adaptive Kompressionsbandagen (z.B. Circaid) Klettverschluss-System, leicht anzupassen, selbst anlegbar Teurer, Genehmigung durch Krankenkasse nötig
Tipp: Sprechen Sie Ihren Arzt oder Wundmanager auf Mehrkomponenten-Systeme oder Ulkus-Strümpfe an. Sie sind oft einfacher für Angehörige zu handhaben und werden von der Krankenkasse übernommen.

Häufige Fragen

Kann ich den Kompressionsverband selbst anlegen?

Ja, als Angehöriger können Sie das Anlegen lernen. Lassen Sie es sich mehrmals vom Pflegedienst zeigen und üben Sie gemeinsam. Viele Angehörige können nach 3–5 begleiteten Wechseln selbstständig wickeln. Wenn Sie sich unsicher sind, nutzen Sie einfachere Systeme wie Ulkus-Strümpfe.

Wie fest muss der Verband sitzen?

Der Verband soll sich fest, aber nicht schmerzhaft anfühlen. Die Zehen müssen warm und rosig bleiben. Als Richtwert: Sie sollten gerade noch einen Finger flach unter den Verband schieben können, aber nicht zwei. Wenn der Betroffene über ein unangenehmes Engegefühl oder Taubheit klagt, ist er zu fest.

Wie wasche ich die Kurzzugbinden?

Kurzzugbinden sind wiederverwendbar. Waschen Sie sie bei 60 °C in der Waschmaschine (ohne Weichspüler). Im Wäschetrockner trocknen oder auf der Leine. Nach dem Trocknen locker aufrollen. Die Binden sollten alle 3–6 Monate ersetzt werden, da sie mit der Zeit an Elastizität verlieren.

Wer bezahlt die Kompressionsbinden?

Kompressionsbinden, Polstermaterial und Kompressionsstrümpfe werden vom Arzt verordnet und von der Krankenkasse bezahlt. Auch Mehrkomponenten-Systeme und Ulkus-Strümpfe sind verordnungsfähig. Es fällt höchstens die gesetzliche Zuzahlung an.

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Coryn Högberg, ICW-Wundexpertin
Medizinisch geprüfter Inhalt

Diese Anleitung basiert auf den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie und dem Expertenstandard „Pflege von Menschen mit chronischen Wunden" (DNQP). Die beschriebene Wickeltechnik entspricht dem phlebologischen Kompressionsverband nach aktueller Leitlinie. Quellen: S3-Leitlinie Diagnostik und Therapie des Ulcus cruris venosum (AWMF 091-001), Deutsche Gesellschaft für Phlebologie. Mehr zur Autorin

Medizinischer Hinweis: Die Informationen auf dieser Seite ersetzen keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Alle Inhalte dienen ausschließlich der allgemeinen Information. Bei gesundheitlichen Beschwerden wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt. Bei Notfällen rufen Sie den Notruf (112) an.