Offenes Bein (Ulcus cruris): Erkennen und richtig behandeln

Ein offenes Bein — medizinisch Ulcus cruris — gehört zu den häufigsten chronischen Wunden in Deutschland. Etwa 800.000 Menschen sind betroffen, viele davon ältere Personen, die zu Hause gepflegt werden. Wenn Sie als Angehöriger bei der Pflege unterstützen, ist es wichtig zu verstehen, was hinter dieser Erkrankung steckt und wie Sie wirksam helfen können.

In diesem Ratgeber erklären wir Ihnen verständlich, wie ein offenes Bein entsteht, welche Behandlung wirklich hilft und was Sie selbst im Alltag tun können, um die Heilung zu unterstützen.

Was ist ein offenes Bein?

Der Begriff „offenes Bein“ beschreibt eine chronische Wunde am Unterschenkel, die über Wochen oder Monate nicht von allein heilt. Meistens befindet sich die Wunde im Bereich des Innenknöchels oder an der Vorderseite des Schienbeins. Sie kann klein wie eine Münze sein — oder sich über den halben Unterschenkel erstrecken.

In rund 70 Prozent der Fälle ist eine Schwäche der Beinvenen die Ursache. Ärzte sprechen dann von einem Ulcus cruris venosum. Seltener sind Durchblutungsstörungen der Arterien (Ulcus cruris arteriosum) oder eine Kombination aus beidem (Ulcus cruris mixtum) verantwortlich.

Gut zu wissen: Ein offenes Bein ist keine eigenständige Krankheit, sondern immer die Folge einer anderen Grunderkrankung — meistens einer venösen Insuffizienz. Deshalb muss neben der Wunde immer auch die Ursache behandelt werden.

Symptome: Woran erkennen Sie ein offenes Bein?

Ein offenes Bein entsteht in der Regel nicht plötzlich, sondern entwickelt sich über Monate oder Jahre hinweg. Häufig gehen folgende Vorboten voraus:

  • Schwere, müde Beine — besonders abends und nach langem Stehen
  • Schwellungen (Ödeme) an Knöcheln und Unterschenkeln
  • Hautveränderungen — die Haut wird dünn, glänzend und verfärbt sich bräunlich
  • Juckreiz und Ekzeme an den Unterschenkeln
  • Verhärtungen der Haut, die sich ledrig anfühlt

Die eigentliche Wunde zeigt sich dann so:

  • Offene, meist nässende Wunde am Unterschenkel
  • Wundgrund häufig gelblich belegt (Fibrin) oder rötlich (Granulationsgewebe)
  • Unregelmäßiger Wundrand, manchmal unterhöhlt
  • Oft unangenehmer Geruch
  • Schmerzen, besonders bei hängendem Bein oder nachts
Wichtig: Nicht jede Wunde am Bein ist ein Ulcus cruris. Auch andere Erkrankungen können offene Stellen verursachen. Lassen Sie jede Wunde am Unterschenkel, die nach 2–3 Wochen nicht abheilt, ärztlich abklären.

Ursachen: Warum heilt die Wunde nicht?

Um zu verstehen, warum ein offenes Bein so schlecht heilt, müssen wir uns die häufigste Ursache anschauen — die chronisch venöse Insuffizienz (CVI).

So funktioniert der venöse Rückfluss normalerweise

Das Blut fließt durch die Arterien vom Herzen zu den Beinen — und muss über die Venen wieder zurück zum Herzen transportiert werden. Dabei muss es gegen die Schwerkraft nach oben gepumpt werden. Dafür sorgen zwei Mechanismen:

  1. Die Wadenmuskulatur drückt beim Gehen die Venen zusammen und presst das Blut nach oben („Wadenmuskelpumpe“).
  2. Venenklappen funktionieren wie Rückschlagventile und verhindern, dass das Blut wieder nach unten sackt.

Was bei einer venösen Insuffizienz passiert

Wenn die Venenklappen nicht mehr richtig schließen — etwa durch Krampfadern, Thrombosen oder altersbedingte Abnutzung — staut sich das Blut in den Unterschenkeln. Dieser Stau erhöht den Druck in den kleinen Blutgefäßen. Flüssigkeit und Eiweiße treten ins Gewebe aus, es kommt zu:

  • Schwellungen (den typischen „dicken Beinen“)
  • Sauerstoffmangel im Gewebe
  • Hautschäden — die Haut wird empfindlich und brüchig
  • Schließlich einer offenen Wunde, die nicht heilt, weil das Gewebe dauerhaft unterversorgt ist
Einfach erklärt: Stellen Sie sich einen Gartenschlauch vor, in dem das Wasser nicht richtig abfließen kann. Es staut sich, der Schlauch wird prall, und irgendwann tritt Wasser durch kleine Risse aus. Ähnlich passiert es bei den Venen: Das gestaute Blut schädigt das umliegende Gewebe — und die Haut bricht auf.

Weitere Risikofaktoren

Risikofaktor Warum er schadet
Bewegungsmangel Die Wadenmuskelpumpe arbeitet nicht ausreichend
Übergewicht Erhöhter Druck auf die Beinvenen
Frühere Thrombose Geschädigte Venenklappen als Spätfolge
Diabetes mellitus Gestörte Wundheilung und Durchblutung
Rauchen Verengt die Blutgefäße, verschlechtert die Durchblutung
Langes Stehen oder Sitzen Blut versackt in den Beinen

Diagnose beim Arzt

Bevor eine Behandlung beginnt, muss der Arzt klären, welche Art von Ulcus cruris vorliegt. Das ist entscheidend, denn: Eine Kompressionstherapie, die beim venösen Ulcus die wichtigste Behandlung ist, kann bei einem arteriellen Ulcus gefährlich sein.

Folgende Untersuchungen sind Standard:

  • Knöchel-Arm-Druck-Index (ABI) — misst das Verhältnis des Blutdrucks am Knöchel zum Oberarm. So lässt sich eine arterielle Durchblutungsstörung ausschließen.
  • Duplexsonografie — eine schmerzlose Ultraschalluntersuchung der Beinvenen, die zeigt, ob die Venenklappen intakt sind.
  • Wundabstrich — bei Verdacht auf eine Infektion, um den Erreger zu identifizieren.
Achtung: Beginnen Sie niemals auf eigene Faust mit einer Kompressionsbehandlung! Bei einer arteriellen Durchblutungsstörung kann Kompression den Zustand dramatisch verschlechtern. Immer erst den ABI-Wert ärztlich bestimmen lassen.

Kompressionstherapie — das A und O der Behandlung

Die Kompressionstherapie ist die wichtigste Säule der Behandlung beim venösen Ulcus cruris. Ohne Kompression heilt die Wunde in den allermeisten Fällen nicht — selbst bei bester Wundversorgung.

Wie wirkt die Kompression?

Der Kompressionsverband oder -strumpf übt von außen Druck auf das Bein aus. Dadurch:

  • Werden die erweiterten Venen zusammengedrückt — die Venenklappen schließen wieder besser
  • Fließt das Blut schneller zum Herzen zurück
  • Gehen die Schwellungen zurück
  • Bekommt das Gewebe wieder mehr Sauerstoff
  • Kann die Wunde endlich heilen

Kompressionsverband oder Kompressionsstrumpf?

In der akuten Phase (solange die Wunde offen ist und das Bein stark geschwollen) kommen meist Kompressionsverbände zum Einsatz. Sie werden vom Pflegedienst oder geschulten Angehörigen angelegt und können an die aktuelle Schwellung angepasst werden.

Sobald die Wunde abgeheilt und das Bein entschwöllt ist, wechselt man auf Kompressionsstrümpfe (medizinische Kompressionsstrümpfe, Klasse II oder III). Diese werden dauerhaft getragen, um einen Rückfall zu verhindern.

Praxistipp: Viele Betroffene empfinden die Kompression anfangs als unangenehm. Bleiben Sie geduldig und motivierend. Der Druck sollte fest, aber nicht schmerzhaft sein. Das Anlegen wird mit Übung einfacher — und die Linderung der Beschwerden (weniger Schwellung, weniger Schmerzen) spricht bald für sich.

Schritt-für-Schritt-Anleitung: Kompressionsverband anlegen: Anleitung für Angehörige

Wundversorgung: Feucht statt trocken

Die moderne Wundversorgung beim offenen Bein folgt dem Prinzip der feuchten Wundbehandlung. Das bedeutet: Die Wunde wird nicht ausgetrocknet, sondern in einem feucht-warmen Milieu gehalten. Studien zeigen, dass Wunden so deutlich schneller heilen.

Was gehört zur professionellen Wundversorgung?

  1. Wundreinigung — mit steriler Kochsalzlösung oder Wundspüllösung, nicht mit Desinfektionsmittel (das schädigt die Zellen)
  2. Wundbeurteilung — Größe, Tiefe, Beläge, Infektionszeichen
  3. Geeignete Wundauflage — je nach Wundzustand z.B. Schaumverbände, Alginate oder Hydrofaser
  4. Hautschutz — die empfindliche Wundumgebung vor Feuchtigkeit schützen
  5. Kompressionsverband — darüber anlegen
Bitte nicht verwenden: Puder, Zinksalbe direkt auf die offene Wunde, Jod, Wasserstoffperoxid oder Kamillenlösungen. Diese Hausmittel schaden mehr als sie nützen und können die Heilung verzögern.

Ausführliche Anleitung: Offenes Bein: Wundversorgung zu Hause — Schritt für Schritt

Leben mit offenem Bein: Tipps für den Alltag

Bewegung ist Medizin

Bewegung aktiviert die Wadenmuskelpumpe und verbessert den venösen Rückfluss. Auch wenn Ihr Angehöriger ein offenes Bein hat, ist Bewegung ausdrücklich erwünscht:

  • Gehen ist die beste Übung — selbst kurze Strecken helfen
  • Fußwippen im Sitzen (Zehen hoch und runter) aktiviert die Wadenpumpe
  • Beine hochlegen — mehrmals täglich für 20–30 Minuten über Herzniveau
  • Schwimmen — der Wasserdruck wirkt wie eine natürliche Kompression (erst nach Wundheilung)
Merkregel: 3S-3L: Schlecht: Stehen, Sitzen. Lieber: Laufen, Liegen. Diese einfache Regel fasst die wichtigsten Verhaltenstipps zusammen.

Ernährung und Flüssigkeit

Eine eiweißreiche Ernährung unterstützt die Wundheilung. Achten Sie auf:

  • Ausreichend Eiweiß — Fleisch, Fisch, Eier, Milchprodukte, Hülsenfrüchte
  • Zink und Vitamin C — wichtig für die Gewebeneubildung
  • Genug trinken — mindestens 1,5 Liter pro Tag (wenn nicht ärztlich eingeschränkt)

Hautpflege

Die Haut rund um ein offenes Bein ist besonders empfindlich. Pflegen Sie sie täglich mit einer parfumfreien, pH-neutralen Lotion. Vermeiden Sie aggressive Seifen. Die Haut sollte sauber, trocken und geschmeidig gehalten werden — aber achten Sie darauf, keine Creme direkt auf die offene Wunde zu geben.

Vorbeugung: So verhindern Sie einen Rückfall

Die Rückfallquote beim offenen Bein ist hoch: Bis zu 70 Prozent der Ulcera kommen innerhalb eines Jahres wieder, wenn keine konsequente Vorbeugung betrieben wird. Die wichtigsten Maßnahmen:

  1. Kompressionsstrümpfe konsequent tragen — jeden Tag, von morgens bis abends, lebenslang. Das ist die wichtigste Einzelmaßnahme.
  2. Regelmäßige Bewegung — täglich Gehen und Venenübungen
  3. Hautpflege — die Haut geschmeidig halten, kleinste Verletzungen sofort versorgen
  4. Gewichtskontrolle — Übergewicht reduzieren
  5. Beine hochlegen — mehrmals täglich
  6. Regelmäßige ärztliche Kontrollen — mindestens alle 3 Monate
Häufigster Fehler: Viele Betroffene lassen die Kompressionsstrümpfe weg, sobald die Wunde geheilt ist. Das ist der Hauptgrund für Rückfälle. Die Grunderkrankung (venöse Insuffizienz) bleibt bestehen — ohne Kompression öffnet sich die Wunde wieder.

Wann zum Arzt? Warnzeichen

Sofort zum Arzt bei:
  • Zunehmender Rötung und Überwärmung rund um die Wunde
  • Starkem oder plötzlich verändertem Wundgeruch
  • Eitriger Absonderung (gelb-grün, milchig)
  • Fieber oder Schüttelfrost
  • Deutlicher Vergrößerung der Wunde
  • Roten Streifen, die vom Wundrand aus nach oben verlaufen (Hinweis auf Blutvergiftung!)
  • Plötzlich starken Schmerzen

Auch ohne akute Warnzeichen sollte die Wunde regelmäßig von einem Arzt oder einer Wundmanagerin kontrolliert werden — üblicherweise alle 1–2 Wochen, bei stabilen Verhältnissen alle 4 Wochen.

Häufige Fragen zum offenen Bein

Wie lange dauert die Heilung eines offenen Beins?

Die Heilungsdauer variiert stark: Kleine, unkomplizierte Ulcera können bei konsequenter Kompressionstherapie in 6–12 Wochen abheilen. Größere oder langjährige Wunden brauchen oft mehrere Monate bis über ein Jahr. Entscheidend für die Heilung ist vor allem die konsequente Kompressionstherapie.

Kann ich mit offenem Bein duschen oder baden?

Duschen ist grundsätzlich möglich, allerdings sollte die Wunde danach professionell neu verbunden werden. Es gibt spezielle Duschpflaster, die die Wunde während des Duschens schützen. Baden in der Wanne ist weniger empfehlenswert, da die Wunde länger im Wasser liegt. Besprechen Sie das Vorgehen mit Ihrem Wundmanager.

Zahlt die Krankenkasse die Behandlung?

Ja. Die Behandlung eines Ulcus cruris ist eine Kassenleistung. Das umfasst: ärztliche Behandlung, Wundauflagen auf Rezept, Kompressionsverbände, medizinische Kompressionsstrümpfe sowie häusliche Krankenpflege durch einen Pflegedienst (Verordnung durch den Hausarzt). Bei einem Pflegegrad stehen zusätzlich Pflegehilfsmittel zu.

Ist ein offenes Bein ansteckend?

Nein. Ein offenes Bein ist nicht ansteckend. Es entsteht durch eine Venenerkrankung und nicht durch Erreger. Allerdings kann die offene Wunde mit Bakterien besiedelt sein. Tragen Sie daher beim Verbandwechsel Einmalhandschuhe und entsorgen Sie gebrauchte Wundauflagen hygienisch.

Muss ich den Kompressionsverband auch nachts tragen?

In der Regel nein. Nachts im Liegen ist der venöse Rückfluss nicht durch die Schwerkraft behindert. Meistens werden Kompressionsverbände oder -strümpfe morgens angelegt und abends ausgezogen. Es gibt jedoch Ausnahmen — Ihr Arzt oder Pflegedienst wird Ihnen eine individuelle Empfehlung geben.

Pflegehilfsmittel-Check

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Coryn Högberg, ICW-Wundexpertin
Medizinisch geprüfter Inhalt

Dieser Artikel wurde sorgfältig auf Basis aktueller medizinischer Leitlinien recherchiert und redaktionell geprüft. Alle Empfehlungen orientieren sich an der S3-Leitlinie „Diagnostik und Therapie des Ulcus cruris venosum" (AWMF) sowie den Expertenstandards des DNQP. Quellen: AWMF-Leitlinie 091-001 (Ulcus cruris venosum), Deutsche Gesellschaft für Phlebologie, Expertenstandard Pflege von Menschen mit chronischen Wunden (DNQP). Mehr zur Autorin

Medizinischer Hinweis: Die Informationen auf dieser Seite ersetzen keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Alle Inhalte dienen ausschließlich der allgemeinen Information. Bei gesundheitlichen Beschwerden wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt. Bei Notfällen rufen Sie den Notruf (112) an.