Die richtigen Schuhe bei diabetischem Fuß

Falsches Schuhwerk ist eine der häufigsten Ursachen für Druckstellen und Wunden am diabetischen Fuß. Studien zeigen, dass bis zu 50 Prozent aller Fußulzera bei Diabetikern durch ungeeignete Schuhe ausgelöst werden. Als pflegender Angehöriger können Sie hier viel bewirken — denn die Wahl des richtigen Schuhs ist Vorbeugung im besten Sinne.

In diesem Ratgeber erfahren Sie, worauf Sie bei der Schuhwahl achten müssen, welche Schuhversorgung Ihrem Angehörigen zusteht und was die Krankenkasse übernimmt.

Warum sind die richtigen Schuhe so wichtig?

Bei einem gesunden Fuß spüren wir sofort, wenn ein Schuh drückt. Wir ziehen ihn aus, wechseln die Schuhe oder kaufen ein passendes Paar. Bei einem Menschen mit diabetischer Neuropathie fehlt dieses Frühwarnsystem. Der Betroffene spürt den Druck nicht — und der Schuh reibt stundenlang an derselben Stelle.

Das Ergebnis: Druckstellen, Blasen, Schwielen — und im schlimmsten Fall offene Wunden, die sich infizieren und monatelang nicht heilen.

Zahlen: In einer Studie der DDG hatten 35 Prozent der Patienten mit diabetischem Fußulkus zu enge Schuhe. Weitere 15 Prozent hatten Fremdkörper im Schuh (Steinchen, Falten im Innenfutter), die sie nicht gespürt hatten. Passende Schuhe sind also keine Nebensache, sondern echte Medizin.

Risiken durch falsche Schuhe

  • Zu eng: Drückt auf Ballen, Zehen und Knöchel → Druckstellen, Blasen
  • Zu weit: Fuß rutscht hin und her → Scheuerstellen, instabiler Gang
  • Zu kurz: Zehen stoßen vorne an → Blutergüsse unter den Nägeln, eingewachsene Nägel
  • Harte Nähte innen: Reiben auf der Haut → Druckstellen und Blasen
  • Flache Sohle ohne Dämpfung: Unebenheiten des Bodens werden auf die Fußsohle übertragen
  • High Heels / Schuhe mit Absatz: Verlagern das Gewicht auf den Vorderfuß, erhöhter Druck
  • Sandalen / offene Schuhe: Kein Schutz vor Verletzungen und Fremdkörpern

Merkmale guter Diabetiker-Schuhe

Ob konfektionierter Schuh oder orthopädische Maßanfertigung — gute Schuhe für den diabetischen Fuß haben folgende Eigenschaften:

Merkmal Warum es wichtig ist
Weiches, flexibles Obermaterial (z.B. weiches Leder, Stretch) Passt sich dem Fuß an, keine Druckstellen
Nahtfreies oder nahtarmes Innenfutter Keine Reibung auf der empfindlichen Haut
Ausreichende Weite und Höhe im Zehenbereich Zehen haben Platz, kein Druck von oben oder seitlich
Herausnehmbare Einlegesohle Kann durch individuelle Einlage ersetzt werden
Stabile, gedämpfte Sohle Schützt vor Bodenunebenheiten, federt Druck ab
Fester Fersenbereich Gibt dem Fuß Halt, verhindert Rutschen
Verschluss mit Klettverschluss oder Schnürung Weite individuell anpassbar (bei Schwellung wichtig)
Keine Nähte im Vorderfußbereich Empfindlichste Zone vor Reibung geschützt

Schuhkategorien nach Risikoklasse

Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) empfiehlt die Schuhversorgung je nach Risikostufe:

Risikoklasse 0 — Diabetes ohne Neuropathie

  • Schuhversorgung: Gut passende Konfektionsschuhe mit den oben genannten Merkmalen
  • Kassenleistung: Nein (Eigenleistung)

Risikoklasse I — Neuropathie ohne Deformität

  • Schuhversorgung: Diabetes-adaptierte Konfektionsschuhe (Diabetiker-Schutzschuhe) mit diabetischer Fußbettung
  • Kassenleistung: Ja, auf Verordnung

Risikoklasse II — Neuropathie mit Deformität oder Durchblutungsstörung

  • Schuhversorgung: Orthopädische Schuhe nach Maß mit individueller Einlage
  • Kassenleistung: Ja, auf Verordnung

Risikoklasse III — Zustand nach Ulkus oder Amputation

  • Schuhversorgung: Orthopädische Maßschuhe, ggf. mit Innenschuh oder Prothese
  • Kassenleistung: Ja, auf Verordnung
Wichtig zu wissen: Die Risikoklasse wird vom Arzt (Diabetologe oder Hausarzt mit DFS-Erfahrung) bestimmt. Fragen Sie bei der nächsten Kontrolle aktiv nach der Risikoklasse und der empfohlenen Schuhversorgung.

Diabetische Einlagen

Diabetische Fußbettungen (Einlagen) sind ein wichtiger Bestandteil der Schuhversorgung. Sie unterscheiden sich deutlich von normalen Schuheinlagen:

  • Druckumverteilung: Besonders belastete Stellen werden entlastet
  • Weichbettung: Spezielle Polsterschicht an der Fußsohle
  • Individuelle Anpassung: Nach Fußabdruck gefertigt
  • Regelmäßige Erneuerung: Mindestens alle 6–12 Monate, da das Material nachlässt
Nicht verwechseln: Diabetische Fußbettungen sind nicht dasselbe wie normale orthopädische Einlagen aus dem Schuhgeschäft. Sie werden vom Orthopädieschuhmacher nach Maß gefertigt und vom Arzt verordnet. Nur dann übernimmt die Krankenkasse die Kosten.

Schuhe kaufen: Darauf müssen Sie achten

Ob Konfektionsschuh oder Diabetikerschuh — beim Kauf gibt es einiges zu beachten:

  1. Nachmittags kaufen: Die Füße schwellen im Laufe des Tages an. Schuhe, die morgens passen, können nachmittags zu eng sein.
  2. Beide Schuhe anprobieren: Die Füße sind oft unterschiedlich groß. Immer den größeren Fuß als Maß nehmen.
  3. Mit Strümpfen anprobieren: Die gleichen Strümpfe tragen, die später im Alltag getragen werden.
  4. Mit Einlage anprobieren: Falls eine Einlage verwendet wird, den Schuh mit Einlage testen.
  5. Daumenbreit Platz: Vor der längsten Zehe sollte mindestens 1 cm Platz sein.
  6. Im Geschäft herumlaufen: Mindestens 10 Minuten, nicht nur aufstehen und sitzen.
  7. Nicht „einlaufen“ planen: Der Schuh muss sofort passen. Bei Neuropathie spürt der Betroffene nicht, ob er drückt.
Praxistipp für Angehörige: Gehen Sie beim Schuhkauf unbedingt mit. Ihr Angehöriger kann möglicherweise nicht spüren, ob der Schuh drückt. Prüfen Sie selbst: Greifen Sie in den Schuh, fühlen Sie nach Nähten und Unebenheiten, prüfen Sie die Passform mit Ihren Augen.

Neue Schuhe einlaufen

Auch wenn der Schuh beim Kauf perfekt passt — tragen Sie ihn anfangs nur stundenweise:

  • Tag 1–3: Maximal 1 Stunde am Tag
  • Tag 4–7: 2–3 Stunden am Tag
  • Ab Woche 2: Langsam steigern
  • Nach jedem Tragen: Füße kontrollieren (Rötungen, Druckstellen)

Die richtigen Hausschuhe

Viele Fußverletzungen passieren zu Hause. Daher sind auch Hausschuhe wichtig:

  • Geschlossen: Keine offenen Pantoffeln oder Schlappen, in die man hineinschlüpft
  • Feste Sohle: Schützt vor Gegenständen auf dem Boden
  • Rutschfest: Sturz- und Unfallprävention
  • Weiches Innenmaterial: Keine rauen Nähte
  • Nicht zu alt: Ausgetretene Hausschuhe geben keinen Halt mehr
Nie barfuß! Auch zu Hause sollten Menschen mit diabetischer Neuropathie niemals barfuß laufen. Ein herumliegendes Legoteil, eine Scherbe, eine heiße Bodenplatte vor dem Kamin — ohne Schmerzempfinden werden solche Gefahren nicht bemerkt.

Was zahlt die Krankenkasse?

Die gute Nachricht: Bei medizinischer Notwendigkeit übernimmt die Krankenkasse die Kosten für diabetesgerechte Schuhe und Einlagen.

Versorgung Kassenleistung? Voraussetzung
Diabetes-Schutzschuhe (konfektioniert) Ja Verordnung, Risikoklasse I+
Orthopädische Maßschuhe Ja Verordnung, Risikoklasse II+
Diabetische Fußbettung (Einlage) Ja Verordnung, Risikoklasse I+
Zweites Paar Schuhe Ja, wenn medizinisch begründet Verordnung mit Begründung
Erneuerung der Einlage Ja, alle 6–12 Monate Folgeverordnung
Schuhzurichtung (Umarbeitung vorhandener Schuhe) Ja Verordnung
So funktioniert die Verordnung: Ihr Arzt (Diabetologe, Hausarzt oder Gefäßchirurg) stellt ein Rezept über orthopädische Schuhe / Fußbettung aus. Damit gehen Sie zum Orthopädieschuhmacher, der den Fuß vermisst und die Versorgung herstellt. Die Abrechnung erfolgt direkt mit der Krankenkasse. Sie zahlen nur die gesetzliche Zuzahlung.

Schuhe richtig pflegen

  • Täglich mit der Hand kontrollieren: Greifen Sie in den Schuh und fühlen Sie nach Steinchen, Falten im Innenfutter, rauen Stellen oder losen Sohlen
  • Schuhe lüften: Nach dem Tragen offen stehen lassen, damit Feuchtigkeit entweicht
  • Nicht am Ofen trocknen: Hitze verformt das Material und kann die Passform verändern
  • Regelmäßig austauschen: Ausgetretene Schuhe verlieren ihre Stützfunktion
  • Zwei Paar im Wechsel tragen: Gibt den Schuhen Zeit zum Trocknen

Häufige Fragen

Kann ich als Diabetiker normale Schuhe tragen?

Bei Diabetes ohne Neuropathie (Risikoklasse 0) können Sie gut passende Konfektionsschuhe tragen, sofern sie die oben genannten Kriterien erfüllen. Sobald eine Neuropathie vorliegt (Risikoklasse I und höher), sollten Sie auf spezielle Diabetiker-Schutzschuhe oder orthopädische Schuhe umsteigen — das übernimmt die Krankenkasse.

Wie oft bekomme ich neue Diabetiker-Schuhe auf Rezept?

Die Regelversorgung sieht ein Paar Schuhe alle 2 Jahre vor. Bei medizinischer Notwendigkeit (z.B. starke Fußveränderung, Verschleiß) kann auch häufiger verordnet werden. Einlagen werden in der Regel alle 6–12 Monate erneuert. Ein zweites Paar kann bei Begründung (Wechselschuh zum Trocknen) genehmigt werden.

Sehen Diabetiker-Schuhe „medizinisch“ aus?

Moderne Diabetiker-Schutzschuhe sehen längst nicht mehr wie orthopädische Hilfsmittel aus. Viele Hersteller (z.B. LucRo, Solidus, Finn Comfort) bieten modische Modelle an, die sich optisch kaum von normalen Schuhen unterscheiden. Bei orthopädischen Maßschuhen ist die Auswahl etwas eingeschränkter, aber auch hier gibt es ansprechende Designs.

Darf mein Angehöriger mit Diabetes Sandalen tragen?

Offene Schuhe und Sandalen sind bei diabetischer Neuropathie nicht empfehlenswert. Sie bieten keinen Schutz vor Verletzungen, Sonnenbrand und Fremdkörpern. Wenn im Sommer luftiges Schuhwerk gewünscht ist, eignen sich geschlossene Diabetiker-Schuhe aus atmungsaktivem Material. Am Strand oder im Schwimmbad: geschlossene Badeschuhe tragen.

Pflegehilfsmittel-Check

Neben der Schuhversorgung stehen Ihrem Angehörigen möglicherweise weitere Pflegehilfsmittel zu — darunter Desinfektionsmittel und Handschuhe für die tägliche Fußpflege.

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Coryn Högberg, ICW-Wundexpertin
Medizinisch geprüfter Inhalt

Dieser Artikel basiert auf den Versorgungsempfehlungen der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und der Arbeitsgemeinschaft Diabetischer Fuß (AG Fuß). Die Schuhkategorien entsprechen der Nationalen VersorgungsLeitlinie Typ-2-Diabetes. Quellen: NVL Typ-2-Diabetes, DDG-Praxisempfehlungen, Hilfsmittelverzeichnis des GKV-Spitzenverbandes. Mehr zur Autorin

Medizinischer Hinweis: Die Informationen auf dieser Seite ersetzen keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Alle Inhalte dienen ausschließlich der allgemeinen Information. Bei gesundheitlichen Beschwerden wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt. Bei Notfällen rufen Sie den Notruf (112) an.