Diabetischer Fuss Infektion: Zeichen erkennen & richtig handeln

Eine Infektion am diabetischen Fuß ist eine der gefährlichsten Komplikationen bei Diabetes. Was bei gesunden Menschen als harmlose Wunde abheilt, kann bei Diabetikern innerhalb weniger Tage zu einer lebensbedrohlichen Situation werden. In Deutschland führen Infektionen am diabetischen Fuß jedes Jahr zu Tausenden Amputationen — viele davon wären vermeidbar gewesen.

In diesem Ratgeber zeigen wir Ihnen, wie Sie Infektionszeichen frühzeitig erkennen, welche Sofortmaßnahmen sinnvoll sind und wann Sie unbedingt in die Notaufnahme müssen. Denn beim diabetischen Fuß gilt: Jede Stunde zählt.

Wichtiger Hinweis: Bei Fieber in Verbindung mit einer Fußwunde bei Diabetes besteht Sepsis-Gefahr. Fahren Sie sofort in die Notaufnahme oder rufen Sie den Rettungsdienst (112).

Warum Diabetiker besonders gefährdet sind

Bei gesunden Menschen ist das Immunsystem in der Lage, die meisten Wundinfektionen selbstständig zu bekämpfen. Bei Diabetes sind jedoch gleich drei Schutzmechanismen beeinträchtigt:

1. Geschwächtes Immunsystem

Dauerhaft erhöhte Blutzuckerwerte beeinträchtigen die Funktion der weißen Blutkörperchen (Leukozyten). Diese sind für die Bekämpfung von Bakterien zuständig. Bei hohem Blutzucker arbeiten sie langsamer und weniger effektiv. Gleichzeitig bietet der zuckerreiche Wundbereich einen idealen Nährboden für Bakterien.

2. Gestörte Durchblutung

Die bei Diabetes häufige periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) führt zu einer verminderten Durchblutung der Füße. Das hat zwei Folgen: Erstens erreichen Immunzellen und Antibiotika die infizierte Stelle schlechter. Zweitens fehlt den Zellen Sauerstoff, der für die Wundheilung und die Abwehr von Bakterien nötig ist.

3. Verminderte Schmerzwahrnehmung

Durch die diabetische Neuropathie (Nervenschaden) spüren viele Betroffene Schmerz, Druck und Temperatur nicht mehr richtig. Eine Infektion, die bei einem gesunden Menschen sofort durch Schmerz auffallen würde, bleibt beim Diabetiker oft tagelang unbemerkt. Wenn die Infektion dann entdeckt wird, hat sie sich häufig bereits ausgebreitet.

Studienlage: Etwa 50 bis 60 Prozent aller Wunden am diabetischen Fuß infizieren sich im Verlauf. Infektionen sind der häufigste Grund für Krankenhauseinweisungen und Amputationen bei Diabetikern. Die 5-Jahres-Sterblichkeit nach einer Majoramputation (oberhalb des Knöchels) liegt bei über 50 Prozent.

Infektionszeichen erkennen

Die klassischen Zeichen einer Wundinfektion sind seit der Antike als die fünf Kardinalzeichen der Entzündung bekannt. Beim diabetischen Fuß können diese Zeichen allerdings abgeschwächt oder verändert auftreten. Achten Sie auf:

Rötung (Rubor)

Eine zunehmende Rötung rund um die Wunde ist eines der frühesten Infektionszeichen. Wichtig: Messen Sie die Rötung. Wenn sich die Rötung ausbreitet — insbesondere über den Wundrand hinaus — ist das ein deutliches Warnsignal. Zeichnen Sie den Rand der Rötung mit einem Stift auf der Haut nach, um die Ausbreitung zu dokumentieren.

Schwellung (Ödem)

Eine zunehmende Schwellung des betroffenen Fußbereichs deutet auf eine Entzündungsreaktion hin. Vergleichen Sie immer beide Füße miteinander. Eine einseitige Schwellung ist verdächtig.

Überwärmung (Calor)

Der infizierte Bereich fühlt sich deutlich wärmer an als die umgebende Haut. Legen Sie den Handrücken auf die betroffene Stelle und vergleichen Sie mit der gleichen Stelle am anderen Fuß.

Schmerz (Dolor)

Verstärkte Schmerzen an der Wunde oder neu aufgetretene Schmerzen. Achtung: Bei ausgeprägter Neuropathie können Schmerzen fehlen. Das Fehlen von Schmerz bedeutet nicht, dass keine Infektion vorliegt!

Eiter und Ausfluss

Gelber, grünlicher oder bräunlicher Eiter (Pus) ist ein eindeutiges Infektionszeichen. Auch trüber, vermehrter Wundausfluss mit üblem Geruch weist auf Bakterienbefall hin. Besonders fäuliger Geruch deutet auf anaerobe Bakterien hin — ein ernstes Warnsignal.

Systemische Zeichen (Ganzkörper-Symptome)

Wenn die Infektion sich über die lokale Wunde hinaus ausbreitet, treten Allgemeinsymptome auf:

  • Fieber (über 38 °C)
  • Schüttelfrost
  • Allgemeines Krankheitsgefühl, Abgeschlagenheit
  • Erhöhter Blutzucker (der plötzlich schwer einstellbar ist)
  • Rote Streifen, die vom Fuß Richtung Bein ziehen (Lymphangitis — Notfall!)

Ausführliche Informationen zu Infektionszeichen bei Wunden allgemein finden Sie in unserem Ratgeber Infizierte Wunde erkennen.

Schweregrade der Infektion

Ärzte teilen Infektionen am diabetischen Fuß in Schweregrade ein, um die richtige Behandlung zu wählen. Die gängigste Einteilung stammt von der Infectious Diseases Society of America (IDSA):

Schweregrad Merkmale Behandlung
Nicht infiziert Keine Entzündungszeichen Wundpflege, Kontrolle
Leicht Rötung < 2 cm um die Wunde, oberflächlich, kein Fieber Ambulant, orale Antibiotika
Moderat Rötung > 2 cm, tiefere Infektion (Sehne, Muskel, Knochen), kein Sepsis-Zeichen Oft stationär, i.v.-Antibiotika
Schwer Sepsis-Zeichen: Fieber, Tachykardie, Verwirrtheit, metabolische Entgleisung Stationär/Intensivstation, Notfall

Wichtig: Die Übergänge zwischen den Schweregraden können beim diabetischen Fuß sehr schnell verlaufen. Eine leichte Infektion kann sich innerhalb von 24 bis 48 Stunden zu einer schweren, lebensbedrohlichen Infektion entwickeln. Mehr zu den Stadien des diabetischen Fußes erfahren Sie in unserem Artikel Diabetischer Fuß: Stadien erkennen (Wagner-Klassifikation).

Erste Maßnahmen zu Hause

Wenn Sie eine Infektion an einem diabetischen Fuß vermuten, sind folgende Sofortmaßnahmen sinnvoll — als Überbrückung bis zum Arztbesuch:

Was Sie tun sollten

  1. Ruhe bewahren — aber handeln Sie zügig
  2. Wunde vorsichtig reinigen: Spülen Sie die Wunde mit steriler Kochsalzlösung (0,9 % NaCl, aus der Apotheke). Nicht reiben oder drücken.
  3. Wunde steril abdecken: Verwenden Sie eine sterile Kompresse und fixieren Sie diese locker mit einer Mullbinde. Nicht luftdicht abkleben.
  4. Fuß hochlagern: Legen Sie den Fuß hoch, um die Schwellung zu reduzieren.
  5. Fuß nicht belasten: Gehen Sie nicht auf dem betroffenen Fuß. Nutzen Sie Krücken oder lassen Sie sich fahren.
  6. Blutzucker kontrollieren: Messen Sie Ihren Blutzucker. Plötzlich erhöhte Werte können auf eine Infektion hinweisen.
  7. Körpertemperatur messen: Fieber über 38 °C ist ein Alarmzeichen.
  8. Arzt kontaktieren: Rufen Sie Ihren Arzt an oder gehen Sie in eine diabetologische Fußambulanz — noch am selben Tag.

Was Sie NICHT tun sollten

  • Keine Hausmittel auf die Wunde (kein Honig, keine Salben, kein Puder)
  • Kein Jod und kein Wasserstoffperoxid — diese Mittel können das Gewebe zusätzlich schädigen
  • Nicht selbst herumschneiden an Hornhaut oder abgestorbenem Gewebe
  • Keinen engen Verband anlegen — er kann die ohnehin eingeschränkte Durchblutung weiter behindern
  • Nicht abwarten — „wird schon wieder“ ist beim diabetischen Fuß gefährlich
Tipp für pflegende Angehörige: Tragen Sie bei der Wundversorgung immer Einmalhandschuhe und desinfizieren Sie Ihre Hände vorher und nachher. Dokumentieren Sie den Wundzustand mit einem Foto (mit Datum), damit der Arzt den Verlauf beurteilen kann. Mehr zur Pflege des diabetischen Fußes finden Sie in unserem ausführlichen Ratgeber.

Wann Notfall: Sepsis-Gefahr erkennen

Eine Sepsis (umgangssprachlich „Blutvergiftung“) ist eine lebensbedrohliche Körperreaktion auf eine Infektion. Beim diabetischen Fuß ist das Sepsis-Risiko erhöht, weil Infektionen oft spät erkannt werden und sich dann bereits ausgebreitet haben.

NOTFALL — Sofort Rettungsdienst (112) rufen bei:
  • Fieber über 38,5 °C ODER Unterkühlung unter 36 °C in Verbindung mit einer Fußwunde
  • Schüttelfrost
  • Verwirrtheit oder Bewusstseinsveränderung
  • Schneller Puls (Herzrasen über 90/min)
  • Schnelle Atmung (mehr als 20 Atemzüge/min)
  • Rote Streifen vom Fuß Richtung Bein (Lymphangitis)
  • Rasche Verschlechterung des Allgemeinzustands

Eine Sepsis ist ein absoluter Notfall. Ohne sofortige Behandlung im Krankenhaus mit intravenösen Antibiotika und Intensivmedizin kann sie innerhalb von Stunden tödlich verlaufen. Zögern Sie nicht, den Rettungsdienst zu rufen — lieber einmal zu oft als einmal zu spät.

Weitere Notfallsituationen

Auch folgende Situationen erfordern sofortige ärztliche Behandlung (Notaufnahme):

  • Gasbrand-Verdacht: Knisterndes Geräusch beim Drücken auf das Gewebe (Gas unter der Haut), extreme Schwellung, starke Schmerzen
  • Ausgedehnte Gangrän: Schwarz verfärbte Stellen, die sich rasch vergrößern
  • Durchbruch von Eiter: Plötzlicher Austritt großer Mengen Eiter aus der Wunde

Ärztliche Behandlung der Infektion

Die Behandlung richtet sich nach dem Schweregrad der Infektion:

Leichte Infektion (ambulant)

  • Orale Antibiotika (Tabletten) für 1-2 Wochen
  • Professionelles Wunddebridement (Entfernung von infiziertem und abgestorbenem Gewebe)
  • Moderne Wundauflagen (silberhaltige Auflagen haben antimikrobielle Wirkung)
  • Druckentlastung des betroffenen Bereichs
  • Engmaschige Kontrolle (alle 2-3 Tage)
  • Optimierung der Blutzuckereinstellung

Moderate bis schwere Infektion (stationär)

  • Stationäre Aufnahme im Krankenhaus
  • Intravenöse Antibiotika (wirken schneller und stärker als Tabletten)
  • Wundabstrich und Resistenztestung (welches Antibiotikum wirkt gegen die Bakterien?)
  • Chirurgisches Debridement (Abtragung infizierten Gewebes unter Anästhesie)
  • Bildgebung (Röntgen, MRT) bei Verdacht auf Knochenbeteiligung
  • Ggf. gefäßchirurgische Maßnahmen zur Verbesserung der Durchblutung
  • Bei ausgedehntem Gewebetod: Teilamputation (Zehe, Vorderfuß) zur Rettung des restlichen Fußes
Wichtig — Antibiotika konsequent nehmen: Nehmen Sie verordnete Antibiotika immer vollständig ein — auch wenn die Infektion sich bessert. Ein zu frühes Absetzen fördert Resistenzbildung. Bei MRSA-Infektionen (multiresistente Keime) sind spezielle Reserve-Antibiotika nötig.

Infektionen vorbeugen

Die beste Behandlung einer Infektion ist die Vermeidung. Folgende Maßnahmen senken Ihr Infektionsrisiko erheblich:

  • Tägliche Fußkontrolle: Untersuchen Sie Ihre Füße jeden Abend auf Veränderungen (Anleitung hier)
  • Optimale Blutzuckereinstellung: HbA1c-Werte unter 7 % stärken Ihr Immunsystem und verbessern die Durchblutung
  • Hygiene: Füße täglich waschen, sorgfältig (besonders zwischen den Zehen) abtrocknen
  • Hautpflege: Trockene Haut mit harnstoffhaltiger Creme pflegen — Risse sind Eintrittspforten für Keime
  • Richtiges Schuhwerk: Diabetikergerechte Schuhe ohne Druckstellen
  • Nie barfuß laufen: Schon kleine Verletzungen können sich infizieren
  • Professionelle Fußpflege: Podologische Behandlung über Kassenrezept
  • Nicht rauchen: Rauchen verschlechtert die Durchblutung massiv
  • Wunden sofort versorgen: Auch kleinste Verletzungen desinfizieren und steril abdecken

Häufige Fragen zu Infektionen am diabetischen Fuß

Wie erkenne ich eine Infektion am diabetischen Fuß?

Typische Infektionszeichen sind: zunehmende Rötung um die Wunde, Schwellung, Überwärmung, Eiter oder übelriechender Ausfluss, verstärkte Schmerzen und Fieber. Beachten Sie: Bei ausgeprägter diabetischer Neuropathie können Schmerzen fehlen. Ein plötzlich schwer einstellbarer Blutzucker kann ebenfalls auf eine Infektion hinweisen. Im Zweifel lieber einmal zu oft zum Arzt.

Warum sind Infektionen beim diabetischen Fuß so gefährlich?

Bei Diabetes sind drei Schutzmechanismen gleichzeitig beeinträchtigt: Das Immunsystem ist durch den hohen Blutzucker geschwächt, die Durchblutung ist eingeschränkt (Antibiotika und Immunzellen erreichen die Wunde schlechter), und die Nervenschäden verhindern, dass Betroffene die Infektion früh bemerken. So kann sich eine Infektion unbemerkt ausbreiten und im schlimmsten Fall zur Sepsis oder Amputation führen.

Wann ist eine Infektion am diabetischen Fuß ein Notfall?

Ein Notfall liegt vor bei: Fieber über 38,5 °C in Verbindung mit einer Fußwunde, Schüttelfrost, roten Streifen vom Fuß Richtung Bein, rasch zunehmender Rötung und Schwellung, schwarzer Verfärbung, übelriechendem Ausfluss, Verwirrtheit oder schnellem Puls. In diesen Fällen besteht Sepsis-Gefahr — rufen Sie sofort den Rettungsdienst (112) oder fahren Sie in die Notaufnahme.

Darf ich eine infizierte Wunde am diabetischen Fuß selbst behandeln?

Nein, bei Verdacht auf eine Infektion am diabetischen Fuß sollten Sie immer einen Arzt aufsuchen. Als Sofortmaßnahme können Sie die Wunde vorsichtig mit steriler Kochsalzlösung reinigen und steril abdecken. Verwenden Sie keine Hausmittel, kein Jod und keine aggressiven Desinfektionsmittel. Gehen Sie noch am selben Tag zum Arzt oder in eine diabetologische Fußambulanz.

Wie wird eine Infektion am diabetischen Fuß behandelt?

Die Behandlung umfasst: Antibiotika (bei leichter Infektion als Tablette, bei schwerer intravenös im Krankenhaus), professionelles Wunddebridement (Entfernung von infiziertem Gewebe), moderne Wundauflagen und konsequente Druckentlastung. Bei schweren Infektionen mit Knochenbeteiligung (Osteomyelitis) kann ein chirurgischer Eingriff nötig sein. Zusätzlich wird immer die Blutzuckereinstellung optimiert.

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Coryn Högberg, ICW-Wundexpertin
Medizinisch geprüfter Inhalt

Dieser Ratgeber wurde sorgfältig recherchiert und redaktionell geprüft. Die Informationen basieren auf aktuellen medizinischen Leitlinien und Fachliteratur. Quellen: International Working Group on the Diabetic Foot (IWGDF) Guidelines 2023, S3-Leitlinie der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), IDSA Guidelines for Diabetic Foot Infections, Arbeitsgemeinschaft Diabetischer Fuß in der DDG. Stand: März 2026. Mehr zur Autorin

Medizinischer Hinweis: Die Informationen auf dieser Seite ersetzen keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Alle Inhalte dienen ausschließlich der allgemeinen Information. Bei gesundheitlichen Beschwerden wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt. Bei Notfällen rufen Sie den Notruf (112) an.