Dekubitus-Pflaster und Wundauflagen im Vergleich

Wenn ein Dekubitus eine offene Wunde verursacht hat (ab Stadium 2), braucht die Wunde eine professionelle Versorgung mit modernen Wundauflagen. Die Zeiten von trockenen Mullkompressen und Pflastern sind in der Wundversorgung vorbei — heute weiß man: Wunden heilen besser in einem feuchten Milieu.

Doch die Vielfalt der verfügbaren Wundauflagen kann verwirren. Schaumverbände, Hydrokolloid, Alginate, Hydrogele, Silberauflagen — welche ist die richtige? Dieser Vergleich erklärt Ihnen verständlich die wichtigsten Typen, ihre Stärken und Schwächen und wann welche Wundauflage zum Einsatz kommt.

Wichtiger Hinweis: Die Auswahl der Wundauflage ist Aufgabe des Arztes oder Wundmanagers. Dieser Artikel dient dazu, dass Sie als Angehöriger die verschiedenen Auflagen verstehen und bei Arztgesprächen gezielt nachfragen können. Wechseln Sie Wundauflagen nie eigenständig auf einen anderen Typ.
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Grundlagen: Moderne Wundversorgung bei Dekubitus

Moderne Wundversorgung folgt dem Prinzip der feuchten Wundbehandlung. Das bedeutet: Die Wunde wird nicht ausgetrocknet, sondern in einem optimal feuchten Klima gehalten. Studien zeigen, dass Wunden so bis zu 50 % schneller heilen als unter trockenen Verbänden.

Was eine gute Wundauflage können muss

  • Feuchtes Wundmilieu aufrechterhalten, ohne die Wunde zu durchnässen
  • Überschüssiges Wundsekret aufnehmen (Saugfähigkeit)
  • Vor Infektionen schützen (Keimbarriere nach außen)
  • Schmerzfrei entfernbar sein — nicht mit der Wunde verkleben
  • Anpassbar an die Wundform sein
  • Seltener Wechsel erforderlich sein — jeder Verbandswechsel stört die Heilung

Schaumverbände (Polyurethanschaum)

Schaumverbände gehören zu den vielseitigsten und am häufigsten verwendeten Wundauflagen bei Dekubitus. Sie bestehen aus weichem Polyurethanschaum mit mehreren Schichten.

Eigenschaften

  • Hohe Saugfähigkeit: Nehmen viel Wundsekret auf und halten die Wunde feucht, aber nicht nass
  • Polsternd: Die Schaumstruktur bietet leichten Druckschutz
  • Atraumatischer Wechsel: Verkleben nicht mit dem Wundgrund
  • Wasserdichte Außenschicht: Schützt vor Verschmutzung und Feuchtigkeit von außen
  • Verbandswechsel: Alle 3-7 Tage (je nach Sekretmenge)

Geeignet für

  • Dekubitus Stadium 2-3 mit mittlerer bis starker Sekretion
  • Als Sekundärverband über andere Wundauflagen
  • An Körperstellen mit Druckbelastung (polsternde Wirkung)

Bekannte Produkte

Mepilex Border (Mölnlycke), Allevyn (Smith+Nephew), Biatain (Coloplast), PermaFoam (Hartmann)

Praxistipp: Schaumverbände mit Silikonhaftrand (z. B. Mepilex Border) sind besonders hautschonend. Der Silikonkleber lässt sich schmerzfrei lösen und schädigt die empfindliche Haut rund um die Wunde nicht. Fragen Sie Ihren Arzt gezielt nach Silikonrand-Varianten.

Hydrokolloid-Verbände

Hydrokolloidverbände waren eine der ersten modernen Wundauflagen und werden seit Jahrzehnten erfolgreich bei oberflächlichen Dekubituswunden eingesetzt.

Eigenschaften

  • Selbstklebend: Haften direkt auf der Haut rund um die Wunde — kein zusätzliches Fixierpflaster nötig
  • Feuchthaltend: Bilden bei Kontakt mit Wundsekret ein Gel, das die Wunde feucht hält
  • Geruchsneutral: Dichten die Wunde nach außen ab
  • Mittlere Saugfähigkeit: Für wenig bis mäßig sekretierende Wunden
  • Verbandswechsel: Alle 3-7 Tage (je nach Gelbildung)

Geeignet für

  • Dekubitus Stadium 1-2 mit wenig Sekretion
  • Oberflächliche, saubere Wunden
  • Prophylaktisch auf gefährdeten Stellen (Fersen, Kreuzbein)

Bekannte Produkte

Comfeel Plus (Coloplast), DuoDERM (ConvaTec), Hydrocoll (Hartmann), Varihesive (ConvaTec)

Achtung: Beim Verbandswechsel eines Hydrokolloids sehen Sie oft ein gelblich-bräunliches Gel mit einem unangenehmen Geruch. Das ist normal und kein Zeichen einer Infektion! Es handelt sich um das aufgelöste Hydrokolloid vermischt mit Wundsekret. Nur wenn die Wunde selbst Eiter, starke Rötung oder Fieber zeigt, besteht Infektionsverdacht.

Alginate

Alginate werden aus Braunalgen gewonnen und sind besonders saugstark. Sie werden bei Dekubituswunden eingesetzt, die stark nässen.

Eigenschaften

  • Sehr hohe Saugfähigkeit: Nehmen das 15- bis 20-fache ihres Eigengewichts an Flüssigkeit auf
  • Gelbildung: Quellen bei Kontakt mit Wundsekret auf und bilden ein weiches Gel
  • Formbar: Können in tiefe Wunden und Wundtaschen eingelegt werden
  • Blutstillend: Unterstützen die Blutstillung durch Kalziumfreisetzung
  • Verbandswechsel: Alle 1-3 Tage (je nach Sättigung)

Geeignet für

  • Dekubitus Stadium 3-4 mit starker Sekretion
  • Tiefe Wunden und Wundtaschen (tamponadefähig)
  • Blutende Wunden

Bekannte Produkte

Kaltostat (ConvaTec), SeaSorb (Coloplast), Sorbalgon (Hartmann), Biatain Alginate (Coloplast)

Gut zu wissen: Alginate brauchen Wundsekret, um zu funktionieren. Bei trockenen Wunden dürfen sie nicht verwendet werden — sie würden die Wunde austrocknen und am Wundgrund festkleben. Alginat-Wundauflagen brauchen immer einen Sekundärverband (z. B. Schaumverband) als Abdeckung.

Hydrogele

Hydrogele bestehen zu 60-90 % aus Wasser und dienen hauptsächlich dazu, trockene Wunden zu befeuchten und Beläge aufzuweichen.

Eigenschaften

  • Feuchtigkeitsspendend: Geben Feuchtigkeit an die Wunde ab (im Gegensatz zu den saugenden Auflagen)
  • Belagsablösend: Weichen trockene Nekrosen und Fibrinbeläge auf (autolytisches Debridement)
  • Kühlend: Leicht kühlender Effekt, der als angenehm empfunden wird
  • Geringe Saugfähigkeit: Nehmen kaum Sekret auf
  • Verbandswechsel: Alle 1-3 Tage

Geeignet für

  • Trockene Dekubituswunden mit wenig Sekretion
  • Wunden mit Nekrose oder Fibrinbelag (zum Aufweichen)
  • Schmerzhafte Wunden (kühlender Effekt)

Bekannte Produkte

IntraSite Gel (Smith+Nephew), Purilon Gel (Coloplast), Hydrosorb (Hartmann), Nu-Gel (Systagenix)

Silberhaltige Wundauflagen

Silberhaltige Wundauflagen kombinieren einen der oben genannten Auflagentypen (Schaum, Alginat etc.) mit antimikrobiell wirkendem Silber. Sie kommen bei infizierten oder infektionsgefährdeten Dekubituswunden zum Einsatz.

Eigenschaften

  • Antimikrobiell: Silberionen töten Bakterien, Pilze und teilweise Viren ab
  • Breitband-Wirkung: Wirksam gegen multiresistente Keime (MRSA)
  • Kombinations-Auflagen: Verfügbar als Silber-Schaum, Silber-Alginat, Silber-Hydrofaser
  • Zeitlich begrenzt: Sollten nur so lange wie nötig verwendet werden (max. 2-4 Wochen)
  • Verbandswechsel: Je nach Grundmaterial, meist alle 1-7 Tage

Geeignet für

  • Infizierte Dekubituswunden (Eiter, Rötung, Geruch, Fieber)
  • Wunden mit hohem Infektionsrisiko
  • Chronisch infizierte Wunden, die auf Antibiotika nicht ansprechen

Bekannte Produkte

Mepilex Ag (Mölnlycke), Biatain Ag (Coloplast), Aquacel Ag (ConvaTec), Acticoat (Smith+Nephew)

Wichtig: Silberhaltige Auflagen sind verschreibungspflichtig und sollten nur auf ärztliche Anweisung verwendet werden. Sie sind kein Standardverband, sondern kommen gezielt bei Infektionen zum Einsatz. Eine dauerhafte Anwendung ohne Indikation ist nicht empfohlen.

Vergleichstabelle: Alle Wundauflagen auf einen Blick

Eigenschaft Schaumverband Hydrokolloid Alginat Hydrogel Silberauflage
Saugfähigkeit Hoch Mittel Sehr hoch Gering Je nach Typ
Feuchthaltend Ja Ja Ja (durch Gelbildung) Ja (gibt Feuchtigkeit ab) Je nach Typ
Geeigneter Wundtyp Mäßig bis stark nässend Wenig bis mäßig nässend Stark nässend, tief Trocken, belegt Infiziert
Dekubitus-Stadium 2-3 (auch 4) 1-2 3-4 2-4 (bei Trockenheit) 2-4 (bei Infektion)
Wechselintervall 3-7 Tage 3-7 Tage 1-3 Tage 1-3 Tage 1-7 Tage
Schmerzfreier Wechsel Ja (bes. Silikon) Meist ja Ja (nach Gelbildung) Ja Je nach Typ
Sekundärverband nötig? Nein Nein Ja Ja Je nach Typ
Preis (ca.) 3-8 Euro/Stück 2-5 Euro/Stück 2-6 Euro/Stück 3-8 Euro/Tube 5-15 Euro/Stück

Welche Wundauflage für welches Stadium?

Stadium 1: Prophylaktischer Schutz

Bei Stadium 1 (Rötung, Haut intakt) ist keine Wundauflage im eigentlichen Sinne nötig. Jedoch können dünne Hydrokolloid-Pflaster oder Schaumverbände prophylaktisch auf gefährdete Stellen (Fersen, Kreuzbein) aufgeklebt werden, um die Haut vor weiterem Druck und Reibung zu schützen.

Stadium 2: Oberflächliche Wundversorgung

Empfehlung: Hydrokolloid-Verband oder dünner Schaumverband. Die Wunde nässt meist nur wenig, braucht aber ein feuchtes Milieu zur Heilung. Bei Blasen: Blase nicht öffnen, sondern mit Hydrokolloid abdecken.

Stadium 3: Tiefe Wundversorgung

Empfehlung: Schaumverband bei mäßiger Sekretion, Alginat + Schaumverband bei starker Sekretion oder tiefen Wunden. Bei trockenen Belägen: Hydrogel zum Aufweichen, dann Schaumverband.

Stadium 4: Komplexe Wundversorgung

Stadium 4 erfordert eine individuelle Wundversorgung durch Wundexperten. Oft werden Kombination aus Alginaten (für tiefe Taschen), Schaumverbänden (als Abdeckung) und ggf. Silberauflagen (bei Infektion) eingesetzt. Die Versorgung wird regelmäßig an den Wundverlauf angepasst.

Kosten und Kostenübernahme

Moderne Wundauflagen sind verordnungsfähig — das heißt, Ihr Arzt kann sie auf Rezept verschreiben und die Krankenkasse übernimmt die Kosten.

So funktioniert die Kostenübernahme:
  1. Ihr Hausarzt stellt ein Rezept über die benötigten Wundauflagen aus
  2. Die Apotheke oder ein Homecare-Unternehmen liefert die Produkte
  3. Sie zahlen die gesetzliche Zuzahlung (max. 10 Euro pro Verordnung)
  4. Den Rest übernimmt die Krankenkasse

Bei komplexen Wunden kann Ihr Arzt auch eine Verordnung für häusliche Krankenpflege ausstellen — dann kommt ein Pflegedienst zum Verbandswechsel zu Ihnen nach Hause. Auch das zahlt die Krankenkasse.

Verbandswechsel: Darauf sollten Sie achten

Wenn Sie nach Anleitung durch den Pflegedienst selbst Verbandswechsel durchführen, beachten Sie:

  • Hände desinfizieren vor und nach jedem Verbandswechsel
  • Einmalhandschuhe tragen
  • Alten Verband vorsichtig lösen — nicht reißen (Silikonrand erleichtert dies)
  • Wunde mit steriler Kochsalzlösung oder Wundspülung reinigen — kein Leitungswasser
  • Wunde kurz begutachten: Größe, Farbe, Geruch, Beläge dokumentieren
  • Neue Auflage passend zuschneiden — Wundrand soll 2-3 cm überlappt werden
  • Nicht zu fest fixieren — Durchblutung nicht einschränken
Sofort den Arzt kontaktieren bei:
  • Zunehmender Rötung, Schwellung oder Wärme rund um die Wunde
  • Eiter oder übelriechendem Sekret
  • Fieber oder Schüttelfrost
  • Deutlicher Vergrößerung der Wunde
  • Starken Schmerzen, die zunehmen

Häufige Fragen zu Dekubitus-Wundauflagen

Kann ich Dekubitus-Wundauflagen in der Apotheke kaufen?

Ja, die meisten Wundauflagen sind in der Apotheke erhältlich — auch ohne Rezept. Allerdings sollten Sie sie auf Rezept verordnen lassen, da die Kosten bei regelmäßigem Verbandswechsel erheblich sein können. Nur Silberauflagen sind in der Regel verschreibungspflichtig.

Wie erkenne ich, dass ein Verbandswechsel nötig ist?

Ein Verbandswechsel ist nötig, wenn: der Verband sich löst, durchnässt ist (Sekret tritt am Rand aus), einen unangenehmen Geruch entwickelt, oder das vom Arzt empfohlene Wechselintervall erreicht ist. Vermeiden Sie unnötig häufige Wechsel — jeder Wechsel stört die Wundheilung.

Darf ich mit einer Wundauflage duschen oder baden?

Viele Schaumverbände und Hydrokolloidverbände haben eine wasserdichte Außenschicht, die kurzes Duschen erlaubt. Langes Baden oder Eintauchen in Wasser ist jedoch nicht empfohlen, da Wasser am Rand eindringen kann. Fragen Sie Ihren Arzt oder Pflegedienst, ob die verwendete Auflage duschfähig ist.

Warum nicht einfach ein normales Pflaster oder Mullverband?

Herkömmliche Pflaster und Mullkompressen trocknen die Wunde aus, verkleben mit dem Wundgrund und reißen beim Wechsel frisches Gewebe ab. Moderne Wundauflagen halten die Wunde feucht, verkleben nicht und müssen seltener gewechselt werden. Bei Dekubituswunden sind sie Standard — Mullverbände gelten als veraltet.

Kostenlose Pflegehilfsmittel für den Pflegealltag

Einmalhandschuhe und Desinfektionsmittel für den Verbandswechsel erhalten Sie kostenlos — bis zu 42 Euro monatlich von der Pflegekasse.

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Coryn Högberg, ICW-Wundexpertin
Medizinisch geprüfter Inhalt

Dieser Vergleich basiert auf den aktuellen Empfehlungen der Initiative Chronische Wunden (ICW) und dem Expertenstandard "Pflege von Menschen mit chronischen Wunden" (DNQP). Produktnennungen dienen der Orientierung und stellen keine Kaufempfehlung dar. Die Auswahl der Wundauflage sollte immer durch den behandelnden Arzt oder Wundexperten erfolgen. Quellen: ICW-Leitlinie Lokaltherapie chronischer Wunden, DNQP Expertenstandard Pflege von Menschen mit chronischen Wunden, AWMF-Leitlinie Lokaltherapie chronischer Wunden. Mehr zur Autorin

Medizinischer Hinweis: Die Informationen auf dieser Seite ersetzen keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Alle Inhalte dienen ausschließlich der allgemeinen Information. Bei gesundheitlichen Beschwerden wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt. Bei Notfällen rufen Sie den Notruf (112) an.