Die Ernährung spielt eine entscheidende Rolle bei der Vorbeugung und Heilung von Dekubitus — und wird dennoch in der häuslichen Pflege häufig unterschätzt. Ohne die richtigen Nährstoffe kann der Körper geschädigtes Gewebe nicht reparieren, egal wie gut die Wundversorgung und Druckentlastung sind.
Dieser Ratgeber erklärt Ihnen, welche Nährstoffe Ihr Angehöriger für die Wundheilung braucht, gibt Ihnen alltagstaugliche Mahlzeiten-Ideen an die Hand und zeigt, wann Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll sind.
Warum Ernährung bei Dekubitus so wichtig ist
Die Wundheilung ist ein hochkomplexer biologischer Prozess, der enorme Mengen an Energie und Baustoffen verbraucht. Der Körper muss bei einem offenen Dekubitus:
- Abgestorbenes Gewebe abbauen und abtransportieren
- Neue Blutgefäße bilden (Angiogenese)
- Neues Bindegewebe aufbauen (Kollagensynthese)
- Hautzellen vermehren, um die Wunde zu schließen
- Infektionen abwehren (Immunsystem)
Für all diese Prozesse braucht der Körper mehr Kalorien, mehr Eiweiß und mehr Vitamine und Mineralstoffe als im Normalzustand. Ein Patient mit einem offenen Dekubitus hat einen um 250-500 Kalorien erhöhten Tagesbedarf — das entspricht etwa einer zusätzlichen Mahlzeit.
Eiweiß — der wichtigste Baustoff für die Wundheilung
Eiweiß (Protein) ist der zentrale Baustoff für die Wundheilung. Aus Aminosäuren — den Bausteinen des Eiweißes — bildet der Körper neues Kollagen, das Grundgerüst des Bindegewebes. Ohne ausreichend Eiweiß kann keine Wunde heilen.
Wie viel Eiweiß braucht Ihr Angehöriger?
- Gesunde Erwachsene: ca. 0,8 g pro kg Körpergewicht pro Tag
- Ältere Menschen (über 65): ca. 1,0 g pro kg Körpergewicht
- Bei bestehendem Dekubitus: 1,2 bis 1,5 g pro kg Körpergewicht — das ist fast das Doppelte der Normalmenge
Rechenbeispiel: Ein 70 kg schwerer Patient mit Dekubitus braucht 84-105 g Eiweiß täglich. Das ist eine Menge, die bewusst geplant werden muss.
Die besten Eiweißquellen
| Lebensmittel | Portion | Eiweiß ca. |
|---|---|---|
| Magerquark | 250 g | 30 g |
| Hühnerbrust | 150 g | 35 g |
| Lachs | 150 g | 30 g |
| Eier (2 Stück) | 120 g | 15 g |
| Linsen (gekocht) | 200 g | 18 g |
| Griechischer Joghurt | 200 g | 12 g |
| Gouda (45%) | 50 g (2 Scheiben) | 13 g |
| Milch | 250 ml | 8 g |
Spezialfall: Arginin
Die Aminosäure Arginin spielt eine besondere Rolle bei der Wundheilung: Sie fördert die Durchblutung und die Bildung von Kollagen. Studien zeigen, dass eine tägliche Ergänzung mit 4,5-9 g Arginin die Dekubitus-Heilung beschleunigen kann. Arginin ist in Nüssen, Kürbiskernen, Sojabohnen und Fleisch enthalten — in therapeutischen Dosen aber meist nur über spezielle Trinknahrung erreichbar.
Vitamin C — unverzichtbar für neues Gewebe
Vitamin C (Ascorbinsäure) ist essenziell für die Kollagensynthese — ohne Vitamin C kann der Körper kein stabiles Bindegewebe aufbauen. Zudem stärkt Vitamin C das Immunsystem und schützt die Zellen als Antioxidans vor Schäden.
Tagesbedarf
- Normal: 95-110 mg/Tag
- Bei Dekubitus: 200-500 mg/Tag (in Absprache mit dem Arzt)
Gute Vitamin-C-Quellen
- Rote Paprika — 140 mg pro 100 g (Spitzenreiter!)
- Brokkoli — 90 mg pro 100 g
- Kiwi — 70 mg pro Stück
- Orange — 50 mg pro Stück
- Erdbeeren — 60 mg pro 100 g
- Kartoffeln — 15 mg pro 100 g (bei regelmäßigem Verzehr relevante Menge)
Zink — das Wundheilungsmineral
Zink ist an über 300 Enzymreaktionen im Körper beteiligt und spielt eine zentrale Rolle bei der Zellteilung und Wundheilung. Ein Zinkmangel — der bei älteren Menschen häufig ist — verlangsamt die Wundheilung erheblich.
Tagesbedarf
- Normal: 7-10 mg/Tag
- Bei Dekubitus: 15-25 mg/Tag (in Absprache mit dem Arzt)
Gute Zinkquellen
- Rindfleisch — 4-6 mg pro 100 g
- Haferflocken — 4 mg pro 100 g
- Kürbiskerne — 7 mg pro 30 g
- Emmentaler — 4 mg pro 100 g
- Vollkornbrot — 2 mg pro 100 g
- Linsen — 3 mg pro 100 g (gekocht)
Flüssigkeit — oft unterschätzt
Ausreichende Flüssigkeitszufuhr ist für die Wundheilung ebenso wichtig wie feste Nahrung. Dehydrierte Haut ist weniger elastisch, dünner und verletzungsanfälliger. Zudem braucht der Körper Wasser für den Transport von Nährstoffen zur Wunde und den Abtransport von Abfallprodukten.
Empfehlung
- Mindestens 1,5 Liter pro Tag — bei Fieber, Schwitzen oder Durchfall mehr
- Wasser, ungesüßter Tee, verdünnte Fruchtsäfte
- Auch wasserreiche Lebensmittel zählen: Suppen, Gurke, Wassermelone, Joghurt
Weitere wichtige Nährstoffe
Vitamin A
Fördert die Zellneubildung und stärkt das Immunsystem. Gute Quellen: Karotten, Süßkartoffeln, Leber, Eigelb, Spinat. Bedarf bei Dekubitus: 700-900 Mikrogramm/Tag.
Eisen
Wichtig für den Sauerstofftransport im Blut — und Sauerstoff braucht die Wunde zur Heilung. Quellen: Rotes Fleisch, Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte. Tipp: Eisenaufnahme verbessert sich zusammen mit Vitamin C (z. B. Orangensaft zum Linsengericht).
B-Vitamine
Unterstützen den Energiestoffwechsel und die Zellteilung. Besonders B12 (Fleisch, Fisch, Eier, Milchprodukte) und Folsäure (grünes Gemüse, Vollkorn) sind für die Wundheilung relevant.
Kalorien (Energie)
Oft vergessen: Der Körper braucht auch genug Gesamtenergie. Bei einem bestehenden Dekubitus liegt der Kalorienbedarf bei etwa 30-35 kcal pro kg Körpergewicht pro Tag. Bei einem 70 kg schweren Patienten sind das 2.100-2.450 kcal — mehr als viele ältere Menschen zu sich nehmen.
Mangelernährung erkennen
Viele ältere, pflegebedürftige Menschen sind mangelernährt, ohne dass es auffällt. Achten Sie auf folgende Warnsignale:
- Unbeabsichtigter Gewichtsverlust — mehr als 5 % in 3 Monaten oder mehr als 10 % in 6 Monaten
- Appetitlosigkeit über mehrere Tage
- Kleidung wird zu weit — ein sichtbares Zeichen für Gewichtsverlust
- Müdigkeit, Schwäche, Antriebslosigkeit
- Trockene, schuppige Haut trotz Pflege
- Eingerissene Mundwinkel (Hinweis auf Vitamin-B- oder Eisenmangel)
- Schlechte Wundheilung — Wunden heilen auffällig langsam
Praktische Mahlzeiten-Ideen
Hier finden Sie Vorschläge für eiweißreiche, nährstoffreiche Mahlzeiten, die sich leicht zubereiten und auch bei eingeschränktem Appetit gut essen lassen:
Frühstück
- Eiweißreiches Müsli: Haferflocken + griechischer Joghurt + Beeren + Kürbiskerne (ca. 25 g Eiweiß)
- Rührei auf Vollkornbrot: 2 Eier + 1 Scheibe Käse + Tomate (ca. 22 g Eiweiß)
- Quark-Bowl: 200 g Quark + Banane + Honig + Nüsse (ca. 28 g Eiweiß)
Mittagessen
- Linsensuppe: Rote Linsen + Karotten + Kartoffeln + Sahne (ca. 20 g Eiweiß pro Portion)
- Hühnerbrust mit Gemüse: 150 g Hähnchen + Brokkoli + Kartoffeln (ca. 38 g Eiweiß)
- Lachs mit Erbsenpüree: 150 g Lachs + Erbsen + Kartoffelbrei (ca. 35 g Eiweiß)
Abendessen
- Käsebrot: 2 Scheiben Vollkornbrot + 60 g Gouda + Paprika (ca. 20 g Eiweiß)
- Omelett: 3 Eier + Schinken + Paprika + Käse (ca. 30 g Eiweiß)
Snacks für zwischendurch
- 200 g griechischer Joghurt mit Honig (12 g Eiweiß)
- Handvoll Nüsse (5-7 g Eiweiß)
- Käsewürfel mit Trauben (8 g Eiweiß pro 40 g Käse)
- Gekochtes Ei (7 g Eiweiß)
- Milchshake mit Banane und Quark (15 g Eiweiß)
Nahrungsergänzung und Trinknahrung
Wenn die Ernährung über normale Lebensmittel nicht ausreicht — und das ist bei vielen pflegebedürftigen Menschen der Fall — können Nahrungsergänzungsmittel und medizinische Trinknahrung helfen.
Medizinische Trinknahrung (vom Arzt verordnet)
Hochkalorische, eiweißreiche Trinknahrung ist in kleinen Portionen (200 ml) verfügbar und liefert 300-400 kcal plus 15-20 g Eiweiß pro Fläschchen. Spezielle Produkte für die Wundheilung enthalten zusätzlich Arginin, Zink und Vitamin C.
- Fresubin (Fresenius Kabi)
- Fortimel (Nutricia)
- Resource (Nestlé Health Science)
- Spezialprodukt: Cubitan (Nutricia) — speziell für die Wundheilung mit Arginin
Nahrungsergänzungsmittel (Eigeninitiative)
Folgende Ergänzungen können nach Rücksprache mit dem Arzt sinnvoll sein:
- Vitamin C: 200-500 mg/Tag als Tablette oder Brausetablette
- Zink: 15-25 mg/Tag (nicht dauerhaft, da Überdosierung möglich)
- Vitamin D: Besonders bei bettlägerigen Patienten, die kein Sonnenlicht bekommen (800-1.000 IE/Tag)
- Eiweißpulver: Geschmacksneutrales Proteinpulver kann in Suppen, Joghurt oder Getränke eingerührt werden
Wenn der Appetit fehlt: Praktische Strategien
Appetitlosigkeit ist eines der häufigsten Probleme in der Pflege älterer Menschen. Hier sind bewährte Strategien:
- Kleine, häufige Mahlzeiten: 5-6 kleine Portionen statt 3 große. Ein voller Teller kann abschreckend wirken.
- Anrichten: Auch kleine Portionen ansprechend auf dem Teller anrichten. Das Auge isst mit.
- Lieblingsessen: Fragen Sie, worauf Ihr Angehöriger Appetit hat — und bereiten Sie es zu. Die Nährstoffoptimierung kommt an zweiter Stelle.
- Energieanreichern: Unauffällig Kalorien und Eiweiß ergänzen — Sahne in die Suppe, Butter aufs Brot, Käse über das Gemüse, Proteinpulver in den Joghurt.
- Gemeinsame Mahlzeiten: Wer allein isst, isst weniger. Essen Sie zusammen, wenn möglich.
- Bewegung vor dem Essen: Auch kleine Bewegungsübungen können den Appetit anregen.
- Mundpflege: Ein sauberer Mund und gut sitzende Zahnprothesen verbessern den Geschmackssinn und die Freude am Essen.
- Medikamente prüfen: Viele Medikamente verursachen Appetitlosigkeit oder Geschmacksveränderungen. Sprechen Sie den Arzt darauf an.
Häufige Fragen zur Ernährung bei Dekubitus
Kann die richtige Ernährung einen Dekubitus heilen?
Ernährung allein kann einen Dekubitus nicht heilen — aber sie ist eine unverzichtbare Voraussetzung für die Heilung. Ohne ausreichend Eiweiß, Vitamin C und Zink kann der Körper keine neues Gewebe aufbauen. Die Ernährung wirkt zusammen mit Druckentlastung, Wundversorgung und Bewegung.
Zahlt die Krankenkasse eine Ernährungsberatung?
Ja, bei medizinischer Notwendigkeit kann der Arzt eine Ernährungsberatung verordnen. Die Krankenkasse übernimmt in der Regel einen Zuschuss. Fragen Sie Ihren Arzt nach einer Verordnung und Ihre Krankenkasse nach den genauen Konditionen. Viele Krankenkassen bezuschussen Ernährungsberatung auch im Rahmen von Präventionsangeboten.
Mein Angehöriger hat Diabetes — worauf muss ich bei der Ernährung achten?
Bei Diabetes ist die Ernährung besonders wichtig, da schlechte Blutzuckerwerte die Wundheilung zusätzlich verschlechtern. Achten Sie auf eiweißreiche Lebensmittel mit niedrigem glykämischen Index: Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte, Milchprodukte. Vermeiden Sie zuckerreiche Snacks und Weißmehlprodukte. Die Trinknahrung gibt es auch in Varianten für Diabetiker. Besprechen Sie die Ernährung unbedingt mit dem Diabetologen.
Wie viel Eiweiß ist zu viel? Kann Eiweiß den Nieren schaden?
Bei gesunden Nieren ist die empfohlene Menge von 1,2-1,5 g/kg Körpergewicht unbedenklich. Bei bestehender Nierenerkrankung muss die Eiweißzufuhr jedoch begrenzt werden — hier kann zu viel Eiweiß die Nieren belasten. Lassen Sie die Nierenfunktion durch einen Bluttest prüfen, bevor Sie die Eiweißzufuhr erhöhen. Der Arzt legt dann die individuelle Obergrenze fest.
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