Wunddokumentation für Angehörige: Warum und wie dokumentieren

Wenn Sie einen Angehörigen mit einer chronischen Wunde pflegen — sei es ein offenes Bein, ein Dekubitus oder eine Wunde am diabetischen Fuß — ist die Dokumentation des Wundverlaufs ein oft unterschätztes, aber enorm wichtiges Werkzeug. Denn Wunden verändern sich schleichend, und ohne Aufzeichnungen lässt sich schwer beurteilen, ob die Behandlung wirkt oder ob ein Problem entsteht.

In diesem Ratgeber zeigen wir Ihnen, wie Sie als Laie eine einfache, aber aussagekräftige Wunddokumentation führen können — ohne medizinische Vorkenntnisse.

Warum ist Wunddokumentation wichtig?

Vielleicht fragen Sie sich: „Dokumentiert das nicht der Pflegedienst?“ Ja, professionelle Pflegedienste sind sogar gesetzlich zur Wunddokumentation verpflichtet. Aber es gibt gute Gründe, warum auch Sie als Angehöriger dokumentieren sollten:

  1. Veränderungen erkennen: Wenn Sie die Wunde täglich sehen, gewöhnen sich Ihre Augen daran. Langsame Verschlechterungen fallen oft nicht auf. Ein Foto von vor 2 Wochen zeigt sofort, ob sich etwas verändert hat.
  2. Kommunikation verbessern: „Die Wunde sieht irgendwie anders aus“ hilft dem Arzt wenig. „Die Wunde war am 15. März 3x2 cm, jetzt ist sie 4x3 cm, und der Geruch hat sich verstärkt“ ist eine klare Information.
  3. Therapieerfolg beurteilen: Wirkt die neue Wundauflage? Ist die Wunde unter der neuen Behandlung kleiner geworden? Nur mit Dokumentation lässt sich das objektiv bewerten.
  4. Frühzeitig reagieren: Wenn die Wunde stagniert oder sich verschlechtert, erkennen Sie das früher und können den Arzt informieren.
  5. Sicherheit für Sie: Eine gute Dokumentation gibt Ihnen die Sicherheit, nichts zu übersehen. Und im Gespräch mit Ärzten stehen Sie auf Augenhöhe.
Aus der Praxis: Wundmanager berichten, dass Angehörige, die eine Fotodokumentation führen, Verschlechterungen im Durchschnitt 5–7 Tage früher bemerken als diejenigen, die nicht dokumentieren. Diese Tage können bei einer Infektion entscheidend sein.

Was sollten Sie dokumentieren?

Sie müssen kein medizinisches Fachvokabular beherrschen. Es reicht, wenn Sie bei jedem Verbandwechsel oder jeder Kontrolle folgende Punkte festhalten:

Die Basisdaten

  • Datum und Uhrzeit
  • Wer hat den Verband gewechselt? (Sie, Pflegedienst, Arzt)
  • Welche Materialien wurden verwendet?

Die Wunde selbst

  • Größe: Länge x Breite (in cm, mit Lineal oder Maßband am Wundrand messen)
  • Tiefe: Flach? Tief? Taschen/Unterhöhlungen? (Nur beschreiben, was Sie sehen)
  • Farbe des Wundgrundes: Rot? Gelb? Schwarz? Gemischt?
  • Beläge: Fibrinbelag (gelblich)? Nekrose (schwarz)?
  • Wundrand: Glatt? Aufgeweicht? Unterhöhlt? Neue Haut sichtbar?

Das Exsudat (Wundflüssigkeit)

  • Menge: Wenig (Auflage kaum feucht), mäßig (Auflage halb durchfeuchtet), viel (Auflage komplett durchtränkt)
  • Farbe: Klar, gelblich, blutig, trüb/milchig, grünlich
  • Geruch: Kein Geruch, leicht, stark, übelriechend

Die Wundumgebung

  • Hautfarbe: Normal? Gerötet? Verfärbt?
  • Schwellung: Ja/Nein? Zunehmend?
  • Temperatur: Fühlt sich die Umgebung wärmer an als die restliche Haut?
  • Hautzustand: Trocken, schuppig, aufgeweicht (mazeriert)?

Der Betroffene

  • Schmerzen: Hat der Betroffene Schmerzen? Stärker oder schwächer als zuvor?
  • Allgemeinzustand: Fieber? Müdigkeit? Appetitlosigkeit?

Wundfotos richtig machen

Ein Foto sagt mehr als tausend Worte — besonders bei der Wunddokumentation. Damit die Fotos aussagekräftig sind, beachten Sie diese Regeln:

  1. Immer der gleiche Abstand: Etwa 30 cm von der Wunde entfernt. So sind die Fotos vergleichbar.
  2. Immer der gleiche Winkel: Fotografieren Sie die Wunde immer senkrecht von oben (oder dem gleichen seitlichen Winkel).
  3. Gutes Licht: Tageslicht oder helle Lampe. Kein Blitz direkt auf die Wunde (spiegelt und verfälscht Farben).
  4. Maßstab mit ins Bild: Legen Sie ein Lineal oder eine Münze (bekannte Größe) neben die Wunde. So kann man die Größe auf dem Foto einschätzen.
  5. Datum sichtbar: Schreiben Sie das Datum auf einen Zettel und legen Sie ihn mit ins Bild — oder nutzen Sie den Datumsstempel Ihres Handys.
  6. Sauberer Hintergrund: Ein Einmal-Tuch oder sauberes Handtuch als Unterlage gibt einen neutralen Hintergrund.
Smartphone-Tipp: Erstellen Sie auf Ihrem Handy einen eigenen Foto-Ordner für die Wundfotos (z.B. „Wunde Mama“). So finden Sie die Bilder schnell und können den Verlauf chronologisch nachverfolgen. Die meisten Smartphones speichern automatisch Datum und Uhrzeit in den Bilddaten.
Datenschutz: Wundfotos sind sensible Gesundheitsdaten. Speichern Sie sie sicher (z.B. in einem geschützten Ordner) und teilen Sie sie nur mit dem behandelnden Arzt oder Pflegedienst. Nicht in sozialen Medien oder Familiengruppen posten.

Die Dokumentations-Checkliste

Nutzen Sie diese Checkliste bei jedem Verbandwechsel. Sie können sie ausdrucken oder als Vorlage in ein Notizbuch übertragen:

Punkt Notiz
Datum / Uhrzeit _______________
Foto gemacht? Ja / Nein
Wundgröße (L x B in cm) _____ x _____ cm
Farbe Wundgrund rot / gelb / schwarz / gemischt
Exsudat (Menge) wenig / mäßig / viel
Exsudat (Farbe) klar / gelblich / blutig / trüb / grünlich
Geruch keiner / leicht / stark / verändert
Wundumgebung normal / gerötet / geschwollen / warm
Schmerzen (Betroffener) keine / leicht / mittel / stark
Verwendete Materialien _______________
Auffälligkeiten / Bemerkungen _______________

Ein Wundtagebuch führen

Am einfachsten führen Sie die Dokumentation als Wundtagebuch. Das kann sein:

  • Ein einfaches Notizbuch: Pro Verbandwechsel eine halbe Seite mit der obigen Checkliste
  • Eine Tabelle: In Excel oder Google Sheets, mit Spalten für jeden Dokumentationspunkt
  • Eine App: Es gibt spezielle Wunddokumentations-Apps (mehr dazu unter „Digitale Hilfsmittel“)
  • Ein Ordner: Ausgedruckte Checklisten in einem Ringordner — zusammen mit den ausgedruckten Fotos
Praxistipp: Bewahren Sie das Wundtagebuch an einem festen Platz auf — am besten dort, wo auch das Verbandmaterial liegt. So greifen Sie automatisch dazu, wenn Sie den Verband wechseln. Bringen Sie es zu jedem Arzttermin mit.

Wundgröße messen — einfache Methoden

Die Wundgröße ist einer der wichtigsten Indikatoren für den Heilungsverlauf. Wird die Wunde kleiner, heilt sie. Wird sie größer, muss die Therapie überprüft werden.

Methode 1: Lineal-Messung (empfohlen)

  1. Legen Sie ein sauberes Lineal (oder Maßband) an den Wundrand
  2. Messen Sie die längste Stelle der Wunde (Länge) — das ist die Strecke von „Kopf“ bis „Fuß“ der Wunde
  3. Messen Sie senkrecht dazu die breiteste Stelle (Breite)
  4. Notieren Sie: z.B. „3,5 x 2,0 cm“

Methode 2: Münz-Vergleich (als Schätzung)

Wenn kein Lineal zur Hand ist: Vergleichen Sie die Wundfläche mit einer Münze.

  • 1-Cent-Münze: ca. 1,6 cm Durchmesser
  • 1-Euro-Münze: ca. 2,3 cm Durchmesser
  • 2-Euro-Münze: ca. 2,6 cm Durchmesser

Methode 3: Folie-Methode (am genauesten)

Legen Sie eine transparente Folie (z.B. Frischhaltefolie, besser: sterile Wundmessfolie) über die Wunde und zeichnen Sie den Wundrand mit einem wasserfesten Stift nach. Beschriften Sie die Folie mit Datum. So haben Sie ein exaktes Abbild der Wundfläche.

Wundgrund beurteilen: Die Farben der Wunde

Sie müssen kein Experte sein, um den Wundgrund grob einzuschätzen. Die Farben geben wichtige Hinweise:

Farbe Was sie bedeutet Bewertung
Rot (kräftig, feucht glänzend) Granulationsgewebe — die Wunde baut neues Gewebe auf Gut — Heilung schreitet voran
Rosa / Hellrot (am Wundrand) Epithelisierung — neue Haut bildet sich Sehr gut — Wunde schließt sich
Gelb / Gelblich Fibrinbelag — Eiweißablagerung auf der Wunde Muss beobachtet werden — kann Heilung verzögern
Grün / Gelb-grün Infektion — bakterieller Belag, Eiter Arzt informieren!
Schwarz / Braun-schwarz Nekrose — abgestorbenes Gewebe Arzt informieren — muss entfernt werden
Merkhilfe: Profis nutzen die Farbskala R-G-S (Rot-Gelb-Schwarz). Rot ist gut, Gelb ist Vorsicht, Schwarz ist Handlungsbedarf. Notieren Sie einfach den prozentualen Anteil, z.B.: „70 % rot, 30 % gelb“.

Dokumentation für den Arztbesuch nutzen

Ihre Dokumentation wird dann besonders wertvoll, wenn Sie sie zum Arzttermin mitnehmen. So machen Sie es richtig:

  • Fotos vorbereiten: Zeigen Sie dem Arzt die letzten 3–4 Fotos im Vergleich
  • Zusammenfassung: Fassen Sie die wichtigsten Entwicklungen kurz zusammen („Die Wunde ist in den letzten 3 Wochen von 4x3 cm auf 3x2 cm geschrumpft“ oder „Seit Montag hat der Geruch zugenommen“)
  • Fragen vorbereiten: Notieren Sie sich vorher, was Sie den Arzt fragen möchten
  • Ergebnisse festhalten: Schreiben Sie auf, was der Arzt empfiehlt, ändert oder verordnet
Praxistipp: Viele Ärzte und Wundmanager schätzen es, wenn Angehörige gut dokumentieren. Es spart Zeit in der Sprechstunde, gibt ein genaueres Bild der Situation zu Hause und zeigt, dass Sie die Pflege ernst nehmen. Scheuen Sie sich nicht, Ihre Fotos und Notizen zu zeigen.

Digitale Hilfsmittel

Wenn Sie es lieber digital mögen, gibt es einige hilfreiche Tools:

  • Smartphone-Notiz-App: Erstellen Sie eine Notiz pro Verbandwechsel mit Text und Foto (z.B. Apple Notizen, Google Notizen)
  • Tabellen-App: Google Sheets oder Excel — eine Zeile pro Wechsel, Spalten für alle Dokumentationspunkte
  • Spezielle Wund-Apps: Es gibt Apps wie „WundDesk“ oder „medi Companion“, die auf Wunddokumentation spezialisiert sind. Prüfen Sie, ob sie für Laien geeignet und datenschutzkonform sind.
  • Messenger: Manche Wundmanager bieten einen sicheren Messenger-Kanal an, über den Sie Fotos und Notizen direkt übermitteln können

Häufige Fragen

Bin ich als Angehöriger verpflichtet, die Wunde zu dokumentieren?

Nein, eine gesetzliche Pflicht gibt es für Angehörige nicht. Die Dokumentationspflicht liegt beim professionellen Pflegedienst und beim Arzt. Dennoch ist eine eigene Dokumentation äußerst hilfreich — für Sie selbst, für die Kommunikation mit dem Arzt und für die Sicherheit Ihres Angehörigen.

Wie oft sollte ich die Wunde dokumentieren?

Idealerweise bei jedem Verbandwechsel. Wenn der Pflegedienst täglich wechselt und Sie nur gelegentlich, reichen auch 2–3 Mal pro Woche. Wichtig: Immer dokumentieren, wenn Ihnen etwas Auffälliges auffällt (veränderter Geruch, Vergrößerung, Rötung).

Reicht ein Foto ohne schriftliche Dokumentation?

Ein Foto ist schon sehr viel wert — besser als gar keine Dokumentation. Ideal ist aber die Kombination aus Foto und kurzer Notiz. Dinge wie Geruch, Schmerzen, Exsudatmenge oder die verwendeten Materialien sind auf einem Foto nicht zu erkennen. Schon 2–3 Stichworte zum Foto machen die Dokumentation deutlich aussagekräftiger.

Kann ich die Dokumentation mit dem Pflegedienst teilen?

Auf jeden Fall! Die meisten Pflegekräfte und Wundmanager freuen sich über zusätzliche Informationen von Angehörigen. Besonders Fotos zwischen den Pflegeeinsätzen sind wertvoll, weil der Pflegedienst die Wunde nur in Momentaufnahmen sieht. Besprechen Sie mit dem Pflegedienst, wie Sie Ihre Beobachtungen am besten übermitteln.

Woran erkenne ich auf dem Foto, ob die Wunde heilt?

Positive Zeichen auf Fotos: Die Wundfläche wird kleiner, der Wundgrund wird röter (Granulationsgewebe), am Rand wächst neue Haut (rosa Saum). Negative Zeichen: Wunde wird größer, mehr gelbe oder schwarze Anteile, sichtbarer Eiter, gerötete/geschwollene Wundumgebung.

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Coryn Högberg, ICW-Wundexpertin
Medizinisch geprüfter Inhalt

Dieser Artikel basiert auf den Empfehlungen des Expertenstandards „Pflege von Menschen mit chronischen Wunden" (DNQP) und den Dokumentationsrichtlinien der Initiative Chronische Wunden (ICW). Die Checkliste wurde für die Bedürfnisse pflegender Angehöriger vereinfacht und praxistauglich aufbereitet. Quellen: DNQP-Expertenstandard, ICW-Empfehlungen, Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege. Mehr zur Autorin

Medizinischer Hinweis: Die Informationen auf dieser Seite ersetzen keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Alle Inhalte dienen ausschließlich der allgemeinen Information. Bei gesundheitlichen Beschwerden wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt. Bei Notfällen rufen Sie den Notruf (112) an.