Guillain-Barré-Syndrom: Symptome, Verlauf und Behandlung

Das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) ist eine seltene, aber ernste Erkrankung des Nervensystems. Innerhalb weniger Tage können Taubheitsgefühle und aufsteigende Lähmungen auftreten, die im schlimmsten Fall die Atemmuskulatur betreffen. Die gute Nachricht: Mit rechtzeitiger Behandlung erholen sich die meisten Betroffenen wieder vollständig oder weitgehend. Dieser Ratgeber erklärt verständlich, was beim Guillain-Barré-Syndrom passiert, welche Symptome auftreten und wie die Behandlung aussieht.

Was ist das Guillain-Barré-Syndrom?

Das Guillain-Barré-Syndrom ist eine akute Entzündung der peripheren Nerven. „Periphere Nerven" sind die Nerven, die vom Rückenmark zu den Muskeln, zur Haut und zu den Organen führen — also alle Nerven außerhalb von Gehirn und Rückenmark.

Bei GBS greift das eigene Immunsystem irrtümlich die Nervenhüllen (Myelinscheiden) oder die Nervenfasern selbst an. Dadurch wird die Signalübertragung zwischen Gehirn und Körper gestört — es kommt zu Lähmungen, Gefühlsstörungen und manchmal Schmerzen.

Häufigkeit: GBS tritt bei etwa 1–2 von 100.000 Personen pro Jahr auf. Männer sind etwas häufiger betroffen als Frauen. Die Erkrankung kann in jedem Alter auftreten, das Risiko steigt jedoch mit zunehmendem Alter. In Deutschland erkranken jährlich etwa 1.000–2.000 Menschen an GBS.

Wie kommt es zur Nervenschädigung?

Die peripheren Nerven bestehen aus Nervenfasern (Axonen), die von einer isolierenden Schicht umgeben sind — der Myelinscheide. Diese Schicht beschleunigt die Signalübertragung, ähnlich wie die Isolierung eines Elektrokabels. Beim GBS zerstören Antikörper diese Isolierschicht (demyelinisierende Form) oder greifen direkt die Nervenfaser an (axonale Form). In beiden Fällen kommen die Signale vom Gehirn nicht mehr korrekt bei den Muskeln an.

Ursachen und Auslöser

GBS wird nicht direkt durch einen Erreger verursacht, sondern durch eine Fehlreaktion des Immunsystems nach einer Infektion. In etwa zwei Dritteln der Fälle ging eine Infektion voraus — meist 1–4 Wochen vor Beginn der neurologischen Symptome.

Häufige Auslöser

  • Campylobacter jejuni: Häufigster Auslöser (ca. 30 % der Fälle). Bakterium, das Durchfallerkrankungen verursacht
  • Cytomegalievirus (CMV): Ein weit verbreitetes Herpesvirus
  • Epstein-Barr-Virus (EBV): Erreger des Pfeifferschen Drüsenfiebers
  • Influenza: Grippeviren
  • Zika-Virus: Zusammenhang wurde während der Zika-Epidemie 2015/16 nachgewiesen
  • COVID-19 (SARS-CoV-2): GBS-Fälle im Zusammenhang mit COVID-19-Infektionen wurden beschrieben

Wie entsteht die Fehlreaktion?

Die vorherrschende Theorie ist die molekulare Mimikry: Bestimmte Strukturen auf der Oberfläche von Bakterien oder Viren ähneln Bestandteilen der Nervenhüllen. Das Immunsystem bildet Antikörper gegen den Erreger — und diese Antikörper greifen dann versehentlich auch die eigenen Nerven an, weil sie die ähnlichen Strukturen nicht unterscheiden können.

Klarstellung zu Impfungen: Vereinzelt wurde ein geringfügig erhöhtes GBS-Risiko nach bestimmten Impfungen beobachtet (z. B. bestimmte Grippeimpfstoffe). Das absolute Risiko ist jedoch extrem gering. Da Infektionen selbst ein deutlich höheres GBS-Risiko bergen als Impfungen, überwiegt der Nutzen der Impfung in der Regel klar. Besprechen Sie individuelle Bedenken mit Ihrem Arzt.

Symptome — typischer Beginn

Die Symptome des Guillain-Barré-Syndroms entwickeln sich meist rasch — innerhalb von Stunden bis wenigen Tagen.

Klassische Erstsymptome

  • Kribbeln und Taubheit in Händen und Füßen: Oft das allererste Symptom, beginnt typischerweise an den Zehen
  • Muskelschwäche in den Beinen: Aufsteigend von den Füßen zu den Oberschenkeln
  • Symmetrisch: Beide Körperseiten sind gleichermaßen betroffen
  • Abgeschwächte oder fehlende Reflexe: Der Arzt stellt fest, dass die Muskeleigenreflexe (z. B. Kniereflex) abgeschwächt oder erloschen sind

Fortschreitende Symptome

  • Aufsteigende Lähmung: Die Schwäche breitet sich von den Beinen über den Rumpf zu den Armen aus
  • Gesichtsmuskulatur: Bei etwa 50 % der Betroffenen — Schwäche der Gesichtsmuskeln, Probleme beim Schließen der Augen
  • Schluckstörungen: Bei schweren Verläufen können die Hirnnerven betroffen sein
  • Atemmuskelschwäche: Bei etwa 25 % — eine lebensbedrohliche Komplikation, die intensivmedizinische Überwachung erfordert
  • Schmerzen: Oft unterschätzt — tiefe, ziehende Rückenschmerzen oder schmerzhafte Missempfindungen in den Extremitäten
  • Autonome Störungen: Herzrhythmusstörungen, Blutdruckschwankungen, Blasenstörungen
Notfall — sofort ins Krankenhaus (112): Wenn nach einem Infekt innerhalb weniger Tage aufsteigende Schwäche in den Beinen auftritt, die Arme schwach werden oder Atemschwierigkeiten hinzukommen — rufen Sie sofort den Rettungsdienst. GBS kann sich innerhalb weniger Stunden dramatisch verschlechtern. Eine frühe Behandlung verbessert die Prognose erheblich.

Verlauf in drei Phasen

Das Guillain-Barré-Syndrom verläuft typischerweise in drei Phasen:

1. Progressionsphase (1–4 Wochen)

Die Symptome nehmen zu. Die Muskelschwäche breitet sich aus, erreicht bei den meisten Betroffenen innerhalb von 2–4 Wochen ihren Höhepunkt. Bei etwa 50 % erreicht das Maximum bereits nach 2 Wochen, bei 90 % innerhalb von 4 Wochen. In dieser Phase ist die engmaschige Überwachung auf der Intensivstation oft erforderlich.

2. Plateauphase (Tage bis Wochen)

Die Symptome stabilisieren sich auf ihrem Höhepunkt. Diese Phase kann einige Tage bis mehrere Wochen dauern. In dieser Zeit beginnt noch keine sichtbare Besserung, aber die Verschlechterung stoppt.

3. Erholungsphase (Wochen bis Monate)

Die Nerven regenerieren sich langsam. Die Besserung beginnt meist in umgekehrter Reihenfolge: Zuerst erholen sich die Arme, dann die Beine. Die Erholungsphase kann Wochen bis über ein Jahr dauern. Die meisten Betroffenen erreichen innerhalb von 6–12 Monaten eine gute Erholung.

Diagnose

Die Diagnose des Guillain-Barré-Syndroms basiert auf dem klinischen Bild und wird durch Zusatzuntersuchungen bestätigt:

Untersuchung Befund bei GBS Bedeutung
Neurologische Untersuchung Symmetrische Schwäche, fehlende Reflexe Klinischer Verdacht, Basis der Diagnose
Lumbalpunktion Erhöhtes Eiweiß bei normaler Zellzahl (zytoalbuminäre Dissoziation) Typisch, aber in der ersten Woche oft noch normal
Elektroneurografie (ENG) Verlangsamte Nervenleitgeschwindigkeit, Leitungsblöcke Bestätigt Nervenschädigung und unterscheidet Unterformen
Blutuntersuchungen Antigangliosid-Antikörper (z. B. Anti-GM1) Positiv bei einigen Unterformen, Abgrenzung zu anderen Erkrankungen
MRT Kontrastmittelanreicherung der Nervenwurzeln Ergänzend, nicht immer erforderlich

Wichtige Differenzialdiagnosen

Andere Erkrankungen, die ähnliche Symptome verursachen und ausgeschlossen werden müssen:

  • Rückenmarkskompression (z. B. durch Bandscheibenvorfall)
  • Myasthenia gravis
  • Botulismus
  • Poliomyelitis (Kinderlähmung)
  • Chronisch inflammatorische demyelinisierende Polyneuropathie (CIDP)

Behandlung und Therapie

GBS erfordert eine stationäre Behandlung, oft auf der Intensivstation. Zwei Therapien haben sich als wirksam erwiesen:

Intravenöse Immunglobuline (IVIG)

Die Standardtherapie in Deutschland: hochdosierte Immunglobuline werden über 5 Tage als Infusion verabreicht. Sie modulieren das Immunsystem und stoppen den Angriff auf die Nerven. IVIG sind gut verträglich und können auch bei Kindern und Schwangeren eingesetzt werden.

Plasmapherese (Plasmaautausch)

Alternativ werden bei der Plasmapherese die schädigenden Antikörper aus dem Blut gefiltert. In der Regel werden 5 Behandlungen über 1–2 Wochen durchgeführt. Die Wirksamkeit ist mit IVIG vergleichbar.

Wichtig: Kortikosteroide (Kortison) sind beim Guillain-Barré-Syndrom nicht wirksam — im Gegensatz zu vielen anderen Autoimmunerkrankungen. Studien haben gezeigt, dass sie den Verlauf nicht verbessern und sogar verschlechtern können.

Unterstützende Maßnahmen

  • Atemüberwachung: Regelmäßige Messung der Atemfunktion (Vitalkapazität), bei Bedarf maschinelle Beatmung
  • Thromboseprophylaxe: Blutverdünner, Kompressionsstrümpfe
  • Schmerztherapie: Neuropathische Schmerzen mit Gabapentin oder Pregabalin behandeln
  • Physiotherapie: Bereits auf der Intensivstation beginnen — Gelenkbeweglichkeit erhalten
  • Psychologische Unterstützung: Die plötzliche Lähmung ist für Betroffene extrem belastend

Prognose und Langzeitfolgen

Die Prognose des Guillain-Barré-Syndroms ist insgesamt günstig, aber variabel:

  • Etwa 80 % der Betroffenen erholen sich vollständig oder mit nur leichten Restsymptomen
  • Etwa 10–15 % behalten moderate Einschränkungen (z. B. Fußhebersschwäche, Sensibilitätsstörungen)
  • Etwa 5 % bleiben schwer beeinträchtigt und benötigen dauerhaft Hilfe
  • 3–5 % versterben, meist an Komplikationen wie Lungenembolie, Pneumonie oder Herzrhythmusstörungen

Ungünstige Prognosefaktoren

  • Alter über 60 Jahre
  • Vorausgegangene Campylobacter-Infektion
  • Schnelle Progression (Höhepunkt in weniger als 7 Tagen)
  • Schwere Tetraplegie (Lähmung aller vier Extremitäten)
  • Notwendigkeit maschineller Beatmung
  • Axonale Schädigung in der Elektroneurografie

Mögliche Langzeitfolgen

  • Restliche Muskelschwäche, besonders in den Füßen
  • Fatigue (chronische Erschöpfung) — betrifft bis zu 60–80 % der Genesenen
  • Sensibilitätsstörungen (Kribbeln, Taubheit)
  • Neuropathische Schmerzen
  • Psychische Belastung (Angst, Depression, PTBS)

Rehabilitation

Die Rehabilitation ist ein entscheidender Bestandteil der Genesung und sollte so früh wie möglich beginnen.

Phasen der Rehabilitation

  1. Akutphase (Intensivstation): Passive Bewegungsübungen, Lagerung, Atemtherapie
  2. Stationäre Rehabilitation: Aktive Physiotherapie, Ergotherapie, Gangschule. Dauer: meist 4–12 Wochen
  3. Ambulante Rehabilitation: Fortführung der Therapie zu Hause, Muskelaufbau, Alltagstraining

Wichtige Therapieformen

  • Physiotherapie: Kernstück der Reha — Muskelkräftigung, Gleichgewicht, Gangtraining
  • Ergotherapie: Training alltäglicher Handlungen (Ankleiden, Kochen, Schreiben)
  • Logopädie: Bei Schluck- oder Sprechstörungen
  • Sporttherapie: Angepasstes Training zur Konditionierung
  • Psychotherapie: Verarbeitung der traumatischen Erfahrung
Praxistipp: Übertreiben Sie das Training nicht. GBS-Betroffene neigen dazu, zu viel zu machen, was zu Erschöpfung führt. Das Motto lautet: Wenig, aber regelmäßig. Hören Sie auf Ihren Körper und steigern Sie die Belastung langsam.

Varianten des GBS

Es gibt verschiedene Unterformen des Guillain-Barré-Syndroms:

Variante Merkmale Häufigkeit
AIDP (Akute inflammatorische demyelinisierende Polyradikuloneuropathie) Klassische Form, Zerstörung der Myelinscheide Ca. 85–90 % in Europa
AMAN (Akute motorische axonale Neuropathie) Schädigung der Nervenfaser selbst, rein motorisch Häufiger in Asien, ca. 5–10 %
AMSAN (Akute motorische und sensorische axonale Neuropathie) Schwere axonale Schädigung, sensomotorisch Selten, oft schwerer Verlauf
Miller-Fisher-Syndrom Augenbewegungsstörungen, Gangstörung (Ataxie), fehlende Reflexe Ca. 5 %

Häufige Fragen zum Guillain-Barré-Syndrom

Was ist das Guillain-Barré-Syndrom?

Das Guillain-Barré-Syndrom ist eine seltene autoimmune Nervenentzündung, bei der das eigene Immunsystem die peripheren Nerven angreift. Es kommt zu aufsteigenden Lähmungen, die typischerweise an den Beinen beginnen und sich innerhalb von Tagen bis Wochen nach oben ausbreiten. Die Erkrankung tritt meist nach einer Infektion auf.

Ist das Guillain-Barré-Syndrom heilbar?

GBS heilt in den meisten Fällen von selbst aus — das Immunsystem stellt den Angriff auf die Nerven irgendwann ein. Mit Behandlung (IVIG oder Plasmapherese) wird die Erholung beschleunigt und der Schweregrad reduziert. Etwa 80 % der Betroffenen erholen sich gut. Allerdings kann die Genesung Monate bis über ein Jahr dauern.

Ist GBS ansteckend?

Nein, das Guillain-Barré-Syndrom ist nicht ansteckend. Es handelt sich um eine Autoimmunreaktion des eigenen Körpers. Allerdings können die Infektionen, die GBS auslösen (z. B. Campylobacter-Durchfall), ansteckend sein.

Kann GBS wiederkommen?

Rückfälle sind selten und betreffen etwa 2–5 % der Betroffenen. Wenn die Erkrankung häufiger wiederkehrt (mehr als 2 Schübe), könnte eine CIDP (Chronisch inflammatorische demyelinisierende Polyneuropathie) vorliegen, die eine andere Behandlung erfordert.

Wie lange dauert die Erholung von GBS?

Die Erholungszeit variiert stark. Leichte Fälle können sich innerhalb weniger Wochen bessern. Die meisten Betroffenen brauchen 3–12 Monate für eine gute Erholung. Bei schweren Verläufen kann die Regeneration bis zu 2 Jahre dauern. Fatigue (Erschöpfung) kann auch danach noch bestehen.

Darf man sich nach GBS impfen lassen?

Diese Frage sollten Sie individuell mit Ihrem Neurologen besprechen. Generell wird empfohlen, Impfungen frühestens 6 Monate nach der Erkrankung durchzuführen. Da Infektionen selbst ein höheres GBS-Risiko bergen als Impfungen, ist ein genereller Impfverzicht meist nicht sinnvoll.

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Coryn Högberg, ICW-Wundexpertin
Medizinisch geprüfter Inhalt

Dieser Artikel wurde von der medizinischen Redaktion von sign-med.de erstellt und basiert auf aktuellen Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) und internationaler Fachliteratur. Die Inhalte dienen der allgemeinen Information und ersetzen nicht die individuelle ärztliche Beratung. Mehr zur Autorin

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