In Deutschland werden jährlich etwa 30.000-50.000 Bissverletzungen ärztlich behandelt — die Dunkelziffer liegt deutlich höher. Hundebisse machen dabei den größten Anteil aus, gefolgt von Katzenbissen und Menschenbissen. Was viele unterschätzen: Bisswunden sind wesentlich gefährlicher als sie aussehen, weil die Mundhöhle von Tieren und Menschen mit hunderten Bakterienarten besiedelt ist.

Wichtigste Regel bei Bisswunden: Jede Bisswunde — egal wie klein — sollte ärztlich untersucht werden. Auch wenn die Wunde äußerlich harmlos aussieht, kann sich tief im Gewebe eine schwere Infektion entwickeln.

Erstversorgung: Was sofort tun?

Bis Sie beim Arzt sind, können und sollten Sie folgende Erstmaßnahmen durchführen:

Schritt 1: Wunde bluten lassen

Im Gegensatz zu anderen Wundarten sollten Sie eine Bisswunde nicht sofort stoppen, sondern kurz bluten lassen (sofern es keine starke arterielle Blutung ist). Das ausströmende Blut spült Keime aus der Wunde. Drücken Sie leicht auf das umliegende Gewebe, um die Blutung zu fördern. Nach 1-2 Minuten stoppen Sie die Blutung mit einer sterilen Kompresse.

Schritt 2: Wunde ausgiebig spülen

Spülen Sie die Bisswunde mindestens 5 Minuten lang unter fließendem Leitungswasser. Dieses ausgiebige Spülen ist die wichtigste Maßnahme zur Keimreduktion. Wenn vorhanden, verwenden Sie zusätzlich eine antiseptische Spüllösung (z.B. Betaisodona-Lösung oder Octenisept).

Schritt 3: Desinfizieren

Tragen Sie ein Wunddesinfektionsmittel großzügig auf die Wunde und die Umgebung auf. Bei Bisswunden ist Betaisodona (Povidon-Jod) besonders empfehlenswert, da es gegen ein breites Spektrum an Bakterien wirksam ist.

Schritt 4: Steril abdecken und zum Arzt

Decken Sie die Wunde locker mit einer sterilen Kompresse ab und fixieren Sie diese. Fahren Sie dann zeitnah zum Arzt oder in die Notaufnahme.

Nicht tun: Verschließen Sie eine Bisswunde nicht luftdicht mit einem Pflaster oder Verband. Bisswunden werden in der Regel nicht genäht, weil der Verschluss das Infektionsrisiko erhöht. Die Wunde muss offen bleiben, damit Sekret abfließen kann.

Hundebiss: Am häufigsten, aber nicht harmlos

Hundebisse machen etwa 60-80% aller Bissverletzungen in Deutschland aus. Betroffen sind häufig Kinder, die von bekannten Hunden gebissen werden — nicht etwa von Fremdhunden.

Typisches Verletzungsmuster

  • Quetschwunde: Hunde haben kräftige Kiefer. Der Biss quetscht und zerreißt das Gewebe.
  • Großflächiger Schaden: Die sichtbare Wunde kann klein sein, während das darunter liegende Gewebe stark geschädigt ist.
  • Typische Stellen: Hände und Arme (Erwachsene, Abwehrhaltung), Gesicht und Kopf (Kinder, da auf Augenhöhe des Hundes)

Infektionsrisiko bei Hundebissen

Das Infektionsrisiko liegt bei 5-25%, je nach Lokalisation und Versorgung. Hundebisse an der Hand infizieren sich häufiger (bis 36%) als Bisse an anderen Körperstellen. Häufige Erreger: Pasteurella, Staphylokokken, Streptokokken, Capnocytophaga canimorsus.

Bei Kindern: Hundebisse im Gesicht bei Kindern sind besonders ernst. Neben dem Infektionsrisiko drohen Verletzungen der Tränenkanäle, Speicheldrüsen oder Gesichtsnerven. Bei jedem Hundebiss im Gesicht: sofort in die Notaufnahme, idealerweise mit plastisch-chirurgischer Expertise.

Katzenbiss: Klein aber gefährlich

Katzenbisse machen nur etwa 10-20% der Bissverletzungen aus, sind aber deutlich gefährlicher als Hundebisse. Das Infektionsrisiko liegt bei 30-50% — fast jeder zweite Katzenbiss infiziert sich!

Warum sind Katzenbisse so gefährlich?

  • Nadelartige Zähne: Katzen haben spitze, dünne Zähne, die tiefe, enge Stichkanäle verursachen — bis in Knochen, Gelenke und Sehnen.
  • Schlechte Reinigung: Die engen, tiefen Stichkanäle lassen sich kaum auspülen. Spülwasser erreicht den Grund nicht.
  • Schneller Verschluss: Die kleine Eingangswunde verschließt sich rasch an der Oberfläche — die Keime sind im Inneren eingeschlossen.
  • Pasteurella multocida: Dieses Bakterium kommt in der Mundhöhle von über 90% aller Katzen vor und führt schnell zu schweren Infektionen.
Eigenschaft Hundebiss Katzenbiss
Wundtyp Quetsch-/Risswunde, oft groß Tiefe Stichwunde, oft klein
Infektionsrate 5-25% 30-50%
Haupterreger Pasteurella, Staphylokokken Pasteurella multocida
Typische Stelle Hände, Arme, Gesicht (Kinder) Hände, Finger
Gewebeschädigung Quetschung, Zerreißung Tiefe Penetration
Antibiotika nötig? Oft ja Fast immer
Katzenbiss an der Hand: Katzenbisse an Händen und Fingern sind besonders gefährlich, weil die spitzen Zähne Sehnen, Sehnenscheiden und Gelenke erreichen können. Eine Infektion in diesen Strukturen kann innerhalb von Stunden zu einer schweren Phlegmone oder septischen Arthritis führen. Bei einem Katzenbiss an der Hand: sofort zum Arzt, auch wenn die Wunde winzig aussieht!

Menschenbiss: Das unterschätzte Risiko

Menschenbisse machen nur etwa 2-5% der Bissverletzungen aus, haben aber ein sehr hohes Infektionsrisiko (10-50%). Sie entstehen häufig bei Schlägereien (Faust trifft Zähne = „Fight bite“), bei der Pflege von dementen Personen oder durch Kinderbisse.

Besonderes Risiko

  • Die menschliche Mundhöhle enthält über 700 Bakterienarten
  • Übertragung von Hepatitis B, Hepatitis C und (theoretisch) HIV möglich
  • „Fight bites“ über den Fingerknöcheln können Gelenke und Sehnen erreichen
  • Werden häufig verharmlost und zu spät behandelt
Wichtig: Menschenbisse werden oft aus Scham verschwiegen oder verharmlost. Besonders der „Fight bite“ (Verletzung an den Fingerknöcheln nach einem Faustschlag) wird häufig als einfache Schnittwunde abgetan. Die Infektion kann sich dann unbemerkt ausbreiten. Seien Sie ehrlich gegenüber dem Arzt — die Information ist für die richtige Behandlung wichtig.

Infektionsrisiko bei Bisswunden

Das Infektionsrisiko hängt von mehreren Faktoren ab:

Hohes Risiko

  • Katzenbisse (besonders an Händen)
  • Bisse an Händen und Fingern (schlechte Durchblutung von Sehnen und Gelenken)
  • Tiefe Stichwunden
  • Späte Erstversorgung (mehr als 8-12 Stunden nach dem Biss)
  • Immungeschwächte Personen (Diabetes, Cortison-Therapie, Chemotherapie)
  • Personen mit Gelenkprothesen

Zeichen einer Bisswundeninfektion

Eine Infektion kann sich innerhalb von Stunden bis Tagen entwickeln. Warnsignale:

  • Zunehmende Rötung und Schwellung (rasche Ausbreitung!)
  • Starke, zunehmende Schmerzen
  • Wärme über der Bissstelle
  • Eiter oder trübes Sekret
  • Fieber, Schüttelfrost
  • Rote Streifen von der Wunde ausgehend (Lymphangitis — Notfall!)
  • Eingeschränkte Beweglichkeit (bei Bissen an Händen/Fingern)

Ausführliche Informationen: Infizierte Wunde erkennen — 7 Warnsignale.

Tetanus und Tollwut

Tetanus (Wundstarrkrampf)

Tetanusbakterien (Clostridium tetani) können über jede Bisswunde in den Körper gelangen. Prüfen Sie Ihren Impfstatus:

  • Letzte Impfung < 5 Jahre: Kein Handlungsbedarf
  • Letzte Impfung 5-10 Jahre: Auffrischung empfohlen bei verunreinigten Wunden
  • Letzte Impfung > 10 Jahre oder unklar: Sofortige Auffrischung notwendig

Tollwut

Tollwut ist eine tödliche Viruserkrankung, die durch den Speichel infizierter Tiere übertragen wird. In Deutschland ist Tollwut bei Haustieren seit 2008 ausgerottet, aber:

  • Fledermäuse: Können auch in Deutschland Tollwut übertragen
  • Auslandsreisen: In vielen Ländern (Südostasien, Afrika, Indien, Osteuropa) ist Tollwut bei streunenden Hunden und Katzen verbreitet
  • Importierte Tiere: Illegal eingeschmuggelte Welpen aus Risikogebieten können Tollwut haben
Tollwutverdacht = sofort Notaufnahme: Tollwut ist nach Ausbruch der Symptome zu 100% tödlich. Die Postexpositionsprophylaxe (PEP) mit Tollwut-Impfstoff und Immunglobulin muss so schnell wie möglich nach dem Biss beginnen — idealerweise noch am selben Tag. Bisse durch Fledermäuse oder unbekannte Tiere im Ausland: Sofort in die Notaufnahme!

Wann zum Arzt, wann Notruf?

Kurzantwort: Immer. Jede Bisswunde sollte ärztlich untersucht werden. Im Detail:

Sofort in die Notaufnahme (Notruf 112 bei Bedarf):

  • Starke, nicht stillbare Blutung
  • Bisswunde im Gesicht oder am Hals
  • Verdacht auf Tollwut (Fledermaus, unbekanntes Tier, Ausland)
  • Tiefe Bisswunde mit Verdacht auf Sehnen-/Gelenk-/Knochenverletzung
  • Biss bei Kindern im Gesichts-/Kopfbereich

Zeitnah zum Arzt (innerhalb von 6-8 Stunden):

  • Alle Katzenbisse (hohes Infektionsrisiko)
  • Hundebisse an Händen oder Fingern
  • Menschenbisse
  • Bisse bei immungeschwächten Personen
  • Unklarer Tetanus-Impfstatus

Wie der Arzt Bisswunden behandelt

Die ärztliche Behandlung von Bisswunden unterscheidet sich deutlich von der anderer Wunden:

Wundreinigung

Der Arzt spült die Wunde ausgiebig mit steriler Kochsalzlösung oder antiseptischer Lösung unter Druck (Jet-Lavage). Bei tiefen Bisswunden kann eine chirurgische Exploration notwendig sein, um das Ausmaß der Schädigung zu beurteilen.

Offene Wundbehandlung

Bisswunden werden in der Regel nicht genäht — im Gegensatz zu Schnitt- oder Platzwunden. Der Grund: Ein Verschluss der Wunde würde Bakterien einschließen und das Infektionsrisiko massiv erhöhen. Ausnahmen:

  • Bisswunden im Gesicht (kosmetische Gründe, gute Durchblutung im Gesicht senkt Infektionsrisiko)
  • Stark blutende Wunden (chirurgische Blutstillung)

Antibiotika

Antibiotika werden bei Bisswunden häufig prophylaktisch verordnet, besonders bei:

  • Allen Katzenbissen
  • Bissen an Händen und Fingern
  • Tiefen Bisswunden
  • Menschenbissen
  • Immungeschwächten Patienten

Standard-Antibiotikum: Amoxicillin/Clavulansäure (wirkt gegen die häufigsten Bisswundenkeime).

Impfungen

  • Tetanus-Auffrischung: Wenn die letzte Impfung über 5 Jahre zurückliegt
  • Tollwut-PEP: Bei Verdacht auf Tollwut-Exposition
  • Hepatitis-B-Prüfung: Bei Menschenbissen

Bisswunde: Schnelle Ersteinschätzung

Unser Wund-Check hilft Ihnen, die Dringlichkeit Ihrer Bisswunde einzuschätzen — auch wenn die Antwort bei Bisswunden fast immer „zum Arzt" lautet.

Zum Wund-Check

Häufig gestellte Fragen zu Bisswunden

Warum sind Katzenbisse gefährlicher als Hundebisse?

Katzenbisse infizieren sich in 30-50% der Fälle (Hundebisse: 5-25%). Katzen haben spitze Zähne, die tiefe, enge Stichkanäle verursachen. Darin können sich Bakterien hervorragend vermehren, weil die Wunde sich oberflächlich schnell verschließt und kaum Sauerstoff eindringt.

Muss man mit jeder Bisswunde zum Arzt?

Ja, grundsätzlich sollte jede Bisswunde ärztlich untersucht werden. Auch äußerlich kleine Bisswunden können tief ins Gewebe reichen und schwere Infektionen verursachen. Der Arzt reinigt die Wunde professionell, entscheidet über Antibiotika und prüft den Impfstatus.

Wie schnell muss man nach einem Tierbiss zum Arzt?

Möglichst innerhalb von 6-8 Stunden. Bei Bissen an der Hand oder im Gesicht so schnell wie möglich. Bei Tollwutverdacht (Fledermaus, unbekanntes Tier im Ausland): sofort in die Notaufnahme.

Wann besteht Tollwutgefahr bei einem Tierbiss?

In Deutschland bei Fledermausbissen. Im Ausland bei Bissen durch streunende oder wild lebende Tiere (besonders Südostasien, Afrika, Indien). Bei Tollwutverdacht ist eine sofortige Postexpositionsprophylaxe lebensrettend — Tollwut ist nach Symptombeginn zu 100% tödlich.